Skyewalkers: Blackpool

[Mych] Der Kofferraum ist knackvoll mit Geocaching-, Kletter- und Wanderausrüstung. Heute Morgen haben wir noch die letzten Tickets gebucht. Kurz nach fünf setzen wir uns ins Auto und fahren los – auf unserem Road Trip zur Isle of Skye.

Ab heute und bis Sonntag in einer Woche werden wir auf vier Etappen hoch in die Highlands fahren, dort ein paar Tage bleiben und dann auf vier anderen Etappen wieder zurück. Der Plan:

Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte Blackpool als malerische Küstenstadt vor Augen gehabt. Tatsächlich hat die Kommerzzeile an der Straße just jenseits der Strandpromenade mehr was von Malle-Tourismus, auch wenn die Strandpromenade selbst sich wirklich Mühe zu geben scheint, eigentlich ganz nett sein zu wollen.

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Drei Molen stechen von der Promenade aus ins Meer hinein. Wir gehen von unserem winzigen Hotel aus in Richtung Strand und stoßen erstmal auf die in der Mitte, den einigermaßen unoriginell benannten Central Pier. Schon von Ferne sieht man ein bunt beleuchtetes Riesenrad dort drauf; ungefähr ein Fünftel der Lichterkette, die sich den Rand entlang zieht, ist ausgefallen, und vermittelt dem Rad den Anschein eines sich gemächlich um seine Mitte drehenden „C“s.

Auf der Mole sind neben dem mittelgroßen Riesenrad nur noch ein paar Fahrgeschäfte offen – fast alle der Verkaufsstände für Essen und Trinken haben schon zu; es ist gerade mal kurz vor 21 Uhr. Den Touristen, die sich massenweise durch die Lücken zwischen den Buden drängen, macht das offenbar nichts. Ganz hinten, weit draußen auf dem Meer, finden wir ein größeres Lokal, das noch offen hat: ein Pizza-Restaurant. Wir hätten uns da hingesetzt und eine Pizza zu Abend gegessen, aber der Geruch von verschüttetem Bier mit einem Hauch von Harn vertreibt uns wieder.

Wir fragen das Internet und finden ein kleines Restaurant mit dem Namen Toast, das ein paar Schritte vom Strand entfernt ist. Wenn wir schon an der Küste sind, wollen wir auch was aus dem Meer essen: Penne mit Garnelen, Judith noch mit Lachs, ich mit Miesmuscheln – wirklich lecker. Judith entdeckt amüsiert gegenüber von unserem Tisch an der Wand ein Zertifikat, in dem Round Table – der britische Herrenclub, bei dem ich auch mitmache – dem Lokal die „höchste Empfehlung“ ausspricht; gezeichnet vom RTBI-Nationalpräsidenten 2011. Na sowas.

Skyewalkers: Blackpool

Always Look on the Bright Side of Life

[Mych] Endlich mal ein freies Wochenende. Nicht, dass wir unsere Gäste nicht mögen. Sonst hätten wir sie ja nicht eingeladen.

Und Sten und Maiky, die fürs Erste als letzte da waren, hatten ein kleines Urlaubsprojekt im Sinn, an dem wir gebastelt haben, während wir auf Bäumen geklettert sind, das Schwarze Land erforscht, uns Römer beim Baden vorgestellt und bei Shakespeare vorbei geschaut haben …

Always Look on the Bright Side of Life

When in Bath, do as the Romans do

[Maus] Ich grübelte geraume Zeit, was ich Michael zum Geburtstag schenken könnte, doch mir wollte partout nichts einfallen. Krampfhaft versuchte ich mich zu erinnern, was er sich irgendwann mal gewünscht hatte. Als einziges Ding fiel mir ein Raspberry Pi ein – aber das empfand ich dann doch als eher unpassend. Ich wünschte mir, ich wäre so ein grandioser Bastler wie Michael, damit ich ihn auch mal beeindrucken könnte …

Da wir aber immer noch dabei sind das Land zu entdecken, dachte ich mir, ein Kurztrip – irgendwohin, wo es schön ist – wäre besonders genug; und wenn ich schon nicht Basteln kann, im Organisieren bin ich gar nicht so schlecht.

Nach einiger Recherche (bei der ich immer wieder auf die gleichen Dinge stieß) entschied ich mich für einen Kurzurlaub in Bath. Bath liegt südlich von Coventry in der Grafschaft Somerset und ist berühmt für seine römischen Bäder – doch davon später. Ich buchte also drei Übernachtungen im Harington’s Hotel und, um in Zukunft mitreden zu können, einen Tag im Thermae Bath Spa.

Die erste Überraschung bei unserer Ankunft: Parken direkt am Hotel war nicht möglich (ich hatte einen Parkplatz dazugebucht, da die Altstadt, in der sich unser Hotel befand, nur sehr wenige Parkplätze hat). Als wir vor dem Hotel ankamen, war uns sofort klar, dass noch nicht mal Stehenbleiben eine Option war, denn viel breiter als das Auto war die Straße nicht.

Was nun? Wir beschlossen, erstmal in die nächste Straße einzubiegen, und siehe da: Parkplätze. Doch leider waren das alles reservierte Parkplätze und so parkte Michael ein und wartete dort, während ich ins Hotel ging, um nach dem gebuchten Parkplatz zu fragen. Der Herr am Empfang drückte mir ein laminiertes DIN-A4-Blatt mit der Beschreibung zum Parkplatz und einer Parkplakette in die Hand und bot an, dass wir ja erstmal unser Gepäck ausladen könnten. Ich lehnte dankend ab, da wir nicht viel Gepäck dabei hatten. Nach zehnminütiger Fahrt durch Einbahnsträßchen und Gässchen fanden wir unseren Parkplatz – und nach fünf Minuten Fußweg waren wir auch schon wieder zurück am Hotel.

Micha macht Foto

Das Hotel war klein, aber sehr gepflegt und modern eingerichtet. Wir bezogen unser Zimmer im dritten Obergeschoss und freuten uns über all die kleinen Details. Mein Highlight war die „Oops! Did you forget something?“-Karte mit Deodorant, groß, für Damen und Deodorant, klein, für Herren. Außerdem an der Rezeption zu erwerben: die „Love Box“. Ich frage mich, wie häufig die wohl an der Rezeption gekauft wird. Michael erfreute sich derweil an einer Möwe, die auf dem Schornstein des Nachbarhauses posierte.

MöweOops

Nach einer mittelschweren Kofferexplosion machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Ausflugsziel: dem Jane Austen Centre.

Wer Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ kennt, weiß, dass die Protagonisten unglaublich gern zum Afternoon Tea einladen. Wir besuchten also den Regency Tea Room im Jane Austen Centre um „Tea with Mr. Darcy“ zu trinken. Man bekommt aber nicht einfach nur Tee serviert, sondern eine Auswahl leckerer Sandwiches und köstlicher Küchlein, getoppt von meinem persönlichen Favoriten: warmen scones mit clotted cream und Marmelade.

Der „Tea with Mr. Darcy“ war aber nur der Beginn einer unglaublichen kulinarischen Reise durch Bath. Egal, wo wir einkehrten – ob Pub, Spa oder Restaurant: wir bekamen immer vorzügliches Essen, das außerdem immer hervorragend präsentiert wurde.

Mr. Darcy

Um aus dem Urlaub noch etwas Erinnerungswürdiges zu machen, hatte ich im Thermae Bath Spa ein „Time for Two Package“ gebucht. Ich war furchtbar gespannt, denn während wir am Sonntag durch Bath bummelten, entdeckten wir eine sehr lange Menschenschlange und aus Neugierde schauten wir nach, wofür denn angestanden wird. Nach ein paar Metern entdeckten wir einen Aufsteller, der sagte, dass man ab diesem Punkt nur noch 90 Minuten warten müsste. Ein weiterer Aufsteller ein paar Meter weiter kündigte an, dass es von diesem Punkt aus nur noch 60 Minuten seien. Am Ende der Schlange standen wir vor dem Eingang des Thermae Bath Spa, dass wir am darauffolgenden Montag besuchen wollten.

Hier ist also die Frauen-Wand?
Hier ist also die Frauen-Wand?

Das Thermae Bath Spa wird von Englands einziger Thermalquelle gespeist, die schon die Römer im ersten Jahrhundert entdeckten und nutzen. Um die heiße Quelle wurde eine riesige Tempelanlage mit Badehaus gebaut. Vor ein paar hundert Jahren entdeckte man bei Ausgrabungen die römischen Anlagen und machte sie wieder begehbar (ein sehr sehenswertes Museum).

Am Montag war es glücklicherweise nicht so überfüllt. Am Empfang wurden wir angenehm überrascht: Es gab Bademäntel, Handtücher und Schlappen für uns und für unsere Spa-Behandlung auch noch einen Gutschein. Auch Shampoo, Conditioner und Duschgel waren in den Duschkabinen vorhanden. Und bevor man wieder nach Hause geht, kann man seine Badesachen sogar noch in einer kleinen Zentrifuge trockenschleudern.

Auf den vier Etagen des Spas befinden sich das Minerva-Bad (ein mittelgroßer Pool mit einem Whirlpool-Bereich, in dem es alle paar Minuten mal whirlt, und einem Suppentopf-Strudel außen herum), Steamrooms (vier Dampfsaunen mit unterschiedlichen Aromen und Temperaturen zwischen 45 und 50°C, und in der Mitte des Raumes befindet sich eine Regendusche), der Anwendungsbereich (mit einem Angebot an verschiedenen Massagen, Gesichts- und anderen Schönheitsbehandlungen) mit anschließendem Restaurant und einem Pool auf dem Dach (ebenfalls mit Whirlelementen).

Wir ließen uns den ganzen Tag lang mit Poolnudeln durchs Wasser treiben und genossen unsere einwandfreie Partnermassage. Die fand zwar im selben Raum statt, aber ich habe von Michael nichts gehört oder gesehen, denn entweder schaute ich auf den Boden unter mir oder hatte ein warmes Lavendelkissen auf den Augen.

Der einzige Wermuthstropfen des Tages war das Verschwinden meines Bademantels samt Gutschein für die Partnermassage, Handtuch und Schlappen während unseres Aufenthaltes in den Steamrooms. Aber das freundliche Personal am Empfang stattete mich einfach neu aus, inklusive riesiger Schlappen, die selbst Michael zu groß waren.

Ein großartiger Kurzurlaub mit allem, was ein Römer so braucht.

Absolutely!
Absolutely!
When in Bath, do as the Romans do

Eiszeit

[Mych] Fenster freikratzen. Außen und innen.

Normalerweise sind wir nicht morgens mit dem Auto unterwegs – Judith fährt mit dem Fahrrad ins Labor, und ich stapfe normalerweise zu Fuß im Schlafanzug ins Büro. Aber wir wollen nächstes Wochenende zu einem Wellness-Wochenende nach Bath fahren. Da sind die einzigen heißen Quellen in England. Schon die Römer wussten davon.

Draußen ist es dieser Tage relativ kühl: knapp über dem Gefrierpunkt, und nachts offensichtlich kalt genug für zufrierende Pfützen und Autoscheiben. Wir haben zwar nicht vor, nachts zu fahren, aber Winterreifen im Winter klingen trotzdem wie eine gute Idee, und wir haben noch die Winterkompletträder von meinem alten Seat Ibiza in unserem Gartenschuppen rumliegen.

Nachdem die Scheiben (innen und außen) frei sind, fahren wir zur Volkswagen-Werkstatt im Arches Industrial Estate um die Ecke. Ein sehr großer Name für ein paar Lagerhallen unter den Bögen einer kleinen, gemauerten Eisenbahnbrücke; weniger als zehn Minuten zu Fuß von unserem Haus entfernt. Haufenweise kleiner Autowerkstätten und Gebrauchtwagenhändler haben sich dort angesiedelt, und ein Nissan-Händler, von dem man nachts nur das „SAN“ lesen kann.

Die erste Erkenntnis des Morgens: Die Volkswagen-Werkstatt macht keine Radwechsel – der freundliche Mann verweist uns an die spezialisierte Radwechselwerkstatt nebenan.

Dort wirft man einen Blick auf meine Ibiza-Räder. Ja, die werden schon passen, sagt der junge Mann. Ich hatte damit gerechnet, dass ich den Wagen da lasse und später wieder abholen werde, aber der junge Mann setzt sofort den Wagenheber an. Sein etwas älterer Kollege hebt die Räder aus dem Kofferraum; die Kreidemarkierung „V“ auf der Lauffläche steht für „vorne“, erkläre ich ihm. Aber als er die erste Radkappe entfernt hat, ist sofort klar, dass sie doch nicht passen: Der Škoda hat fünf Schrauben – die Räder vom Seat haben nur vier Löcher. Mist.

Wir fragen, ob wir vielleicht neue Winterräder bekommen könnten – und ob sie vielleicht die alten Winterreifen (erst eine Saison gefahren) in Zahlung nehmen würden. Der etwas ältere Mann kratzt sich am Kopf. „Nee“, sagt er. „Die werde ich nicht wieder los. Niemand in England fährt mit Winterreifen.“

Eiszeit

Kettengang

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[Maus] Es war stressig in der letzten Zeit. Ich schlug mich mit allerlei Problemchen im Labor herum und merkte, wie mich die Arbeit auslaugte. Nicht zuletzt lag das an einem nervenaufreibenden Studenten, der mich mit seiner Unruhe und fehlender Ernsthaftigkeit um den Verstand brachte.

Endlich war es Zeit für einen Urlaub. Unsere Idee ist es, Großbritannien zu erkunden, während wir hier sind, und so sollte unser erster Urlaub uns irgendwo hin auf unserer Insel führen. Unser gemeinsames Hobby — Geocaching — sollte zufällig unseren Zielort bestimmen: Fife. Fife liegt in Schottland in der Nähe von Edinburgh und hat eine wunderschöne wilde Küste mit Sandstränden.

Doch wie kam es eigentlich dazu?

Vor nicht allzu langer Zeit beschlossen wir, wieder mehr spannende Geocaching-Abenteuer zu erleben. Da in der näheren Umgebung aber in dieser Hinsicht gähnende Langeweile herrscht, hat Michael nach 5/5er-Geocaches gesucht — also Geocaches mit der höchsten Terrain- und Schwierigkeitswertung. In Deutschland sind die rar und so schwierig, dass man sie nur mit viel Equipment und häufig mit sehr viel Rätselei angehen kann.

Also genau das Richtige, um ein Abenteuer zu erleben.

Michael stieß jedenfalls bei seiner Suche auf einen Earthcache in Fife, bei dem schon der Name äußerst interessant klang: Volcanic Mayhem — Kincraig Point. Und die Fotos erst! Wir waren uns sofort einig, dass wir da hin wollen. Unser geplanter Urlaub hatte noch kein Ziel, also beschlossen wir spontan, nach Fife zu fahren.

Nachdem wir auf dem Weg nach Fife und in Fife selbst schon viele schöne Orte besucht hatten, konnten wir es kaum noch erwarten, endlich diesen Earthcache aufzusuchen. Earthcaches sind eine Besonderheit beim Geocachen: Man findet keine Box mit einem Logbuch, sondern einen geologischen Schatz. Der Küstenbereich bei Kincraig Point war im Karbon durch vulkanische Aktivität entstanden. Während der Flut ist dieser Bereich unzugänglich und bei Ebbe erreicht man ihn nur über einen sogenannten Chainwalk — sowas wie einen Klettersteig mit Ketten zum Festhalten.

Schon auf dem Weg dorthin fanden wir am Strand riesige schwarze poröse Steine vulkanischen Ursprungs.

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Es war sehr windig und ich hatte Muffensausen, aber da wir beide Sicherheitsfanatiker sind (oder wie Michael mal so schön zu mir sagte: „Wir brauchen deinen Kopf noch!“), hatten wir Helme, Klettersteigsets, festes Schuhwerk und Handschuhe dabei. Nachdem wir unser Equipment angelegt hatten, stürzte sich Michael als erster ins Vergnügen. (Er ist der Mutigere von uns beiden.)

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Auf glitschigem Gestein und an der Kette hängend war mir auf dem ersten Teilstück noch mulmig zumute, aber bald schon vergaß ich meine Angst, mir den Schädel zu zertrümmern oder unterzugehen (durch das Klettersteigset und den Helm war das quasi unmöglich) und genoss diese einmalige Landschaft. Die Gezeiten nagen an den Felsformationen, und das poröse Vulkangestein hat dem nichts entgegenzusetzen.

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Man fühlt sich wie auf einem anderen Planeten. Die Gischt spritzt unter einem hoch und der Wind zerrt an dir. Es riecht herrlich nach Meer und trotz dem das Meer tost und rauscht, fühlt sich alles so ruhig an. Unwirklich.

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Der Devil’s Tower (Teufelsturm) beeindruckt durch seine schiere Größe. Als hätte jemand gigantische Säulen am Strand aufgestellt. Ursprünglich müssen die Gesteinsschichten horizontal gelegen haben; im Laufe der Jahrmillionen wurden die Säulen durch Faltung aufgerichtet.

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Michael war in seiner Faszination für diese Landschaft gefangen und bemerkte nicht einmal, dass wir längst am Ende des Chainwalks angekommen waren. Ich konnte ihn gerade noch aufhalten, einen Satz über die nächste Kluft zu machen.

Wir hatten uns ein Abenteuer erhofft und es bekommen.

Kettengang