[Maus] So langsam wird es. Heute war schon fast ein richtiger Arbeitstag. Ich musste auch nur fünf Mal wegen meiner Staff Card nachfragen. Aber kurz vor Ende der Arbeitszeit des Human Resources Departments konnte ich sie endlich an mich nehmen. Was mir keiner gesagt hat: Die Karte muss für meine Abteilung erst noch aktiviert werden. So kam ich auf dem Rückweg zu meinem Institut zwar durch die erste Sicherheitsschleuse, aber an der zweiten musste ich dann doch die von meiner Kollegin geliehene verwenden.
Heute stand dann auch noch ein Sicherheitstraining bei der Technischen Assistentin an. Anne ist vermutlich kurz vor dem Rentenalter und eine sehr patente Frau. Sie freute sich zunächst einmal, dass sie eine waschechte Biologin vor sich hatte, denn das wäre auch ihr Fachgebiet und die meisten anderen Mitarbeiter hätten einen chemischen Hintergrund. Sie führte mich und einen Studenten im Labor herum, zeigte uns alles und teilte uns dann gleich noch mit, dass wir zunächst nichts allein tun dürfen. Für jedes Gerät gibt es eine Geräteeinweisung vom Verantwortlichen. Nach dieser Unterweisung bin ich ein wenig verunsichert, was in diesem Labor erlaubt ist, aber Anne (die TA) meinte nur, ich solle relaxt bleiben. Ich bin mir sicher, das wird schon.
Im Kühlraum (der so heißt, weil es da kühl ist) gab es auch gleich ein Problem zu bewundern. Jetzt wird es ein wenig technisch aber meine Doktorschwester findet diesen Teil bestimmt interessant. Da hatte jemand eine kleine 1 ml (abgekürzt heißt das hier „one mil“) Ni-NTA-Säule (für Affinitätschromatographie) an eine FPLC (Fast Protein Liquid Chromatography) angeschlossen. Ein Blick auf die Säule und mir war klar, was da passiert war. Der obere Teil war blau (was für so eine Säule gut ist), im unteren Teil war die Säule allerdings eher hellblau bis weiß. Keiner der Anwesenden konnte sich vorstellen, was da passiert sein könnte. Für mich war offensichtlich, dass jemand die Säule offenbar trocken laufen ließ. Derjenige, der die benutzt hat, äquilibrierte sie nicht ausreichend mit Puffer. Komisch, dass das noch nie einer von denen gesehen hat.
Ich habe auch meine neue Chefin getroffen, die wirklich sehr nett ist und mich unterstützen will, wo sie nur kann. Ich glaube ihr das gern, denn ihre Mitarbeiter sind alle sehr gern dort. Bis auf einen Haufen Material, den ich lesen muss und ein paar Probleme, über die ich mal nachdenken soll, habe ich immer noch keinen Finger krumm gemacht. Morgen geht es dann frisch ans Werk. Zuerst werde ich mir einen Platz im Büro erkämpfen.
[Maus] 7am (also 7 Uhr morgens) Aufstehen. Käffchen trinken, duschen, anziehen und los. Nachdem ich dachte, der Tag fängt ja entspannt an, musste ich an der Bushaltestelle lesen, dass diese zurzeit nicht angefahren wird. Das hätte ich mir eigentlich denken können, denn an der Ecke, wo der Bus normalerweise rumfährt, wird gebaut. Im Eilschritt bin ich zwei Stationen weiter geflitzt; schließlich ist zu spät kommen am ersten Arbeitstag nicht gern gesehen. Ich muss nicht lange auf den Bus warten und bin sogar in die richtige Richtung gefahren. Aber nach 10 Minuten Fahrt geht es plötzlich ohne erkennbaren Grund nicht mehr weiter. Die Fahrt wird nach 10 Minuten Halt kommentarlos fortgesetzt. Ist das hier so üblich? Niemand schien irritiert.
Zu meiner Überraschung haben hier tatsächlich viele das Kleingeld passend und kaufen sich Bustickets beim Fahrer. Dafür gibt es einen Geldeinwurf, in den man das Geld passend einwerfen muss, der Fahrer drückt dann einen Knopf, ein Ticket wird gedruckt und man muss es sich abreißen.
Da hier die Stationen im Bus weder angezeigt noch angesagt werden, weiß ich eigentlich nicht wo ich bin und steige prompt zu früh aus. Mit mir zusammen steigt eine junge Frau aus, die sich offenbar auch nicht auskennt und sie fragt mich, ob ich wüsste, wo das University House ist, weil sie ihre Student Card da abholen muss. Ich erwidere, ich wüsste selbst nicht wo das ist, weil ich meinen ersten Arbeitstag habe. Sie freute sich sichtlich, dass ich ihr Schicksal teilte, doch ich musste sie sogleich enttäuschen, weil ich mich ja zuerst in meinem Institut melden sollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr einen schönen ersten Tag zu wünschen.
In der Personalabteilung sollte ich nur noch meinen Ausweis vorlegen und wurde dann schon an meine neue Kollegin weitergereicht. Sie ist ebenfalls Deutsche und seit einem Jahr dort. Ihr Auftrag lautete, mir alles zu zeigen und mit mir meine Staff Card abzuholen. Pustekuchen, dort wurde mir mitgeteilt, dass ich noch nicht mal im System erfasst wurde. Ihnen fehle die Kopie meiner Doktorurkunde, die ich im Orginal in der Personalabteilung meines Instituts vorlegen müsste. Na toll. Also zurückgedackelt und mir von meiner Kollegin die Labore zeigen lassen. Alles sehr schick und sehr gut ausgestattet und in allen Laboren Kittel und Schutzbrillenpflicht.
Nächster Punkt im Programm war die Kontoeröffnung, denn ohne englisches Konto gibt es kein Gehalt. Diese Regelung bringt allerdings ein Problem mit sich, als Neuling in Großbritannien kann man nicht so ohne weiteres eine Schuldenfreiheit nachweisen. Die Bank bei der ich war hat aber eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen; man muss einen Arbeitsvertrag vorlegen und sich identifizieren können. Eine Kreditkarte kann ich allerdings frühestens in 6 Monaten bekommen. Die Kontoeröffnung konnte ich heute allerdings nur beantragen, weil jetzt mein Arbeitsvertrag und meine Identität überprüft werden. Frühestens am Mittwoch kann ich zum Ausfüllen des Papierkrams wiederkommen.
Morgen treffe ich meine Chefin und bekomme hoffentlich meine Staff Card. Ohne Staff Card kann ich nämlich leider nicht allein … na ihr wisst schon wohin gehen.
[Maus] Sonntag ist Ausschlafen angesagt und so sind wir erst spät aufgestanden. Da die Sonne schien, mussten wir aber auf jeden Fall noch mal raus und da bot es sich an, die Geocaches in unmittelbarer Nähe aufzusuchen. Abgesehen davon, dass wir die Geocaches nicht gefunden haben, waren wir nach der Suche richtig schön eingesaut. Sämtliche Wiesen sind geflutet und ausgerechnet die beiden auserwählten Geocaches führten über Wiesen. Viel schlimmer aber ist die Tatsache, dass hier offenbar viele unkreative Geocacher unterwegs sind. Wir werden wohl die nächsten zwei Jahre dazu nutzen mal ein wenig Schwung in die Gegend zu bringen.
Mit meinen eingedreckten Schuhen und Hosen habe ich dann Michael zum Bahnhof Coventry gebracht, der fußläufig erstaunlich gut und schnell zu erreichen ist. Das Taxi ist also nur bei Regen angesagt. Michael hat dann dort noch einen der Fast Ticket Automaten ausprobiert. Wie wir jetzt wissen, sind die Virgin trains günstiger (£1,50) als die anderen (£2,20). Kauft man ein Ticket für £2,20 kann man sich allerdings aussuchen, welchen Zug man nehmen möchte (Virgin trains inklusive). Wenn man den Fahrplan kennt, gibt es die Möglichkeit zu sparen.
Nachdem ich Michael hinterhergewunken hatte, setzte ich meinen Plan, mir eine Travelcard zu kaufen, in die Tat um. Mit dieser personalisierten Monatskarte (es ist ein Foto von mir drauf) kann ich nun einen Monat lang alle Busse in Coventry nutzen. Da spare ich erstens Geld und außerdem muss ich mir nicht jedes Mal eine Fahrkarte kaufen. Auf der Website schrieb der National Express, dass man passend bezahlen soll. Auch wieder so eine Merkwürdigkeit. Haben hier alle immer ganz viel Kleingeld in der Tasche? Mein Portomonnaie ist ungefähr ein Kilo schwer, weil ich £5 in kleinen Münzen darin aufbewahre. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kartenbezahler-Engländer passendes Kleingeld in den Taschen haben. Notiz an mich selbst: Portomonnaie mit großem Kleingeldfach kaufen, vielleicht im Trolley-Format.
Matschepampe Meine Schuhe und Hose nach der Schlammwanderung.
Barber-Shop Einmal Kehle schneiden, bitte.
Mein Garmin 550t führte mich durch einen Teil von Coventry, den ich an diesem Wochenende noch gar nicht gesehen hatte. In diesem Teil der Stadt sind scheinbar alle Studenten untergebracht, denn an jedem Haus stand irgendein Hinweis für Studenten dran; rooms for students, students bar, students grocery, flats to let for students only. Nach einem Fußmarsch von geschätzten 15 Minuten (vom Bahnhof) kam ich zu dem Laden, der die Travelcards verkauft. Ich wurde damit überrascht, dass der Verkäufer ein Foto von mir haben wollte. Glücklicherweise hatte ich noch eines im Portomonnaie, dass ich noch von der Beantragung meines Reisepasses hatte.
Auf dem Weg zurück nach Hause entdeckte ich das „Zentrum“ von Earlsdon (der Stadtteil, in dem ich hier wohne). Eigentlich kann man da auch alles bekommen, was man für den täglichen Bedarf braucht. Die Bürgersteige bleiben am Wochenende jedoch zumeist hochgeklappt. Auf meiner Wanderung habe ich auch noch einen tollen Barber-Shop entdeckt (Foto in der Galerie). Ich lasse jetzt noch den Abend ausklingen und freue mich auf meinen ersten Arbeitstag.
[Maus] Ach ja, viel zu tun im neuen Zuhause. Aber zunächst einmal will ich von meiner Reise berichten. Wie Michael schon beschrieben hat, bin ich mit einem 22,6 kg schweren Koffer und einem prall gefüllten Rucksack angereist. So langsam stelle ich auch fest, was hier alles nützlich gewesen wäre. Ein scharfes Messer zum Beispiel. Aber davon später mehr. Mein Flug war im Durchschnitt recht angenehm, aber 10 Minuten nach Abflug gab es einen gewaltigen Ruck, der einige meiner wenigen Mitreisenden hörbar erschreckte. Ich klammerte mich einige Sekunden an meinen Armlehnen fest und konnte ein leises Aufstöhnen, als meine Zähne aufeinander schlugen, nicht mehr unterdrücken. Glücklicherweise war dieser Augenblick so schneller vorbei als eine Achterbahnfahrt, und ich wurde nur noch ab und an leicht durch gerüttelt. Als ich bei ruhigerer Wetterlage mein Portomonnaie aus meiner Jackentasche holen wollte, war mein gesamter Kram bis ans andere Ende des Faches gerutscht. Wäre der Flieger voll gewesen, wäre das nicht passiert.
Bei der Landung gab es auch noch mal eine Schrecksekunde. In dem Augenblick als ich den Boden erblicken konnte, setzte das Flugzeug schon auf. Der reinste Suppenkessel in Birmingham und das Wetter … Micha hat ja schon davon berichtet.
Beim Einrichten in meiner vorübergehenden Unterkunft sind mir gleich am ersten Abend eine Menge Dinge aufgefallen, die nicht meinem deutschen Standard entsprechen. Das Schlimmste für mich ist der Dreck. Eigentlich ist es nicht furchtbar dreckig, aber es ist nicht mein Dreck. Also mussten wir am ersten Nachmittag zunächst mal Putzmittel kaufen und ich habe ein wenig den Kalk weg geschrubbt. Aber wir hatten auch noch eine Minzepflanze mit etwas mehr als drei Blättern hier herumstehen und eine Plastikflasche mit abgeschnittenem Hals, aber ohne erkennbare Funktion. Ach ja, den Kühlschrank habe ich einmal gründlich ausgewischt.
Hier ist es auch staubig. Die Wollmäuse hängen hier von der Decke herunter. Dieses Problem werde ich im Laufe der nächsten Tage lösen. Vielleicht stelle ich eine Wollmausfalle auf. Mal sehen. Es ist hier auch ziemlich kühl. Ich habe hier in der Wohnung immer zwei Pullover an und kuschelige Hausschuhe. Wenn man sich einige Bewohner dieser Gegend anschaut, muss man sich auch nicht über diese unterkühlte Unterkunft wundern. Am Flughafen habe ich jemanden in kurzer Hose und ohne Schuhe gesehen. Als Einzelfall betrachtet, könnte man meinen, es war ein Verrückter unterwegs, aber ich habe hier in Coventry schon drei Herren ohne Jacken und nur im T-Shirt angetroffen. Ich gewöhne mich ja vielleicht noch an das Seeklima.
Heute wollten wir dann extra früh aufstehen, damit wir genug Zeit für alle anstehenden Erledigungen haben. Ich war schon vor dem Weckerklingeln wach, weil unsere Mitbewohner offenbar schon aus den Federn gesprungen waren. Es ist hier sehr hellhörig. Gestern konnten wir zuhören, wie eine junge Frau ziemlich lange telefoniert hat. Ich glaube, sie wohnt direkt über mir; ich habe sie Trampeltier getauft. Wahrscheinlich läuft sie ganz normal in ihrem Zimmer von einer Ecke in die andere, aber es klingt, als würde sie eine neue Choreographie einstudieren. Kurz nach dem Aufstehen wollte ich dann meine Kamera startklar machen. Nach der Formatierung der Karte wollte die Kamera diese dann nicht mehr erkennen. Mein erster kleiner Wutausbruch folgte. Das zweite Ärgernis des Tages ließ nicht lange auf sich warten. Die einzigen beiden Schüsseln in dieser Wohnung sind eigentlich zu klein für alles außer ein paar Nüsschen oder Gummibärchen. Wir wollten aber Porridge zum Frühstück essen. Solches, was man in der Mikrowelle zubereiten kann. Ein englisches Frühstück mit gebackenen Bohnen, Pilzen, Würstchen usw. werde ich mir hier auch nicht zubereiten können. Ich habe nur zwei Herdplatten, und aus einem mir nicht bekannten Grund schalten die sich jeweils nach 15 Minuten Benutzung aus. Ich rate mal ins Blaue hinein, dass es sich dabei um eine Sicherheitsabschaltung handelt, für den Fall, dass man vergessen hat, sie auszuschalten. Nervig ist das alle Mal, da das auch immer mit lautem Piepen angekündigt wird. Die Mikrowelle ist auch so ein nerviger Piepser. Alles wird mit Piepsen quittiert. Alles.
Von wegen alles zerstört! Entweder haben sie den Schwarzwald hierher transportiert, oder diese Fachwerkhäuser im Zentrum von Coventry sind einfach unkaputtbar.
University of Warwick. Oder vielmehr ihr Vorposten, etwa ein Kilometer vor dem tatsächlichen Beginn des Campus-Geländes.
Micha schnippelt Hühnchen. Damit Judith was zu essen kriegt.
Nachdem ich das Kameraproblem auf später verschoben hatte, sind wir dann wieder ins Zentrum des „Dorfes“ marschiert. Ich brauchte ja ganz dringend eine englische Telefonnummer. Das Unkomplizierteste ist eine sogenannte „Pay as you go“ SIM Card. Auf Deutsch eine Prepaid-SIM-Karte. Komisch, dass der deutsche Begriff, obwohl er englisch ist, für mich mehr Sinn ergibt. Die SIM Card haben wir in einem T-Mobile/Orange/EE-Shop gekauft. Ich bekomme für £10 100 Minuten Telefonieren, 400 SMS und 1 GB Daten. Ein gutes Angebot.
Danach sind wir zu IKEA rüberspaziert. Hier ist alles nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Daher kommt wahrscheinlich auch unser Eindruck, bei Coventry handele es sich in Wahrheit um ein Dorf. Den Speckgürtel haben wir uns allerdings noch nicht angeschaut. Angekommen im IKEA haben wir jeweils eine Portion „Swedish Meatballs“ verputzt. Schade, das die Dinger hier nicht auch Köttbullar heißen. Die Engländer mögen ja vielleicht kein ausländisch? Ach ja, Kaffee haben wir auch getrunken, aber eigentlich sah er weder danach aus, noch hatte er die Wirkung von Kaffee. Egal, wir müssen uns eben anpassen und vielleicht zu Tee wechseln, der darf nämlich so aussehen.
Gekauft haben wir dann: zwei Geschirrtücher (ich weiß nicht, wieso, aber sowas wurde hier in der Wohnung offenbar noch nie benutzt), zwei große Schüsseln für Porridge aus der Mikrowelle, zwei tiefe Teller (für Nudeln mit Tomatensoße, die es gestern von flachen Tellern gab) und zwei ordentlich große Kaffepötte (oh Kaffee wäre jetzt schön — Micha?). Unsere Einkäufe brachten wir nach Hause und nach einer kurzen Kaffeepause sind wir dann mal Richtung Uni losgezogen. Letztlich haben wir eine 10-km-Runde gedreht, bei der wir auch einen Abstecher zum Tesco Superstore gemacht haben.
Das Erlebnis des Tages war die Abkürzung, die wir auf dem Rückweg ausprobiert haben. Die führte uns am „Canley Ford“ entlang. Das Problem mit diesem wirklich zauberhaften Pfad war die Dunkelheit und das viele Wasser. Aber es war immerhin eine echte Abkürzung, die bei schönem Wetter sehr zu empfehlen ist.
[Mych] Der Freitag ist noch jung und der Kühlschrank leer, also planen wir einen ersten Einkauf in der neuen Stadt. Claire hatte uns auf die nahe gelegene Einkaufsstraße hingewiesen, denn die Innenstadt sei doch schon recht weit entfernt — mindestens zehn Minuten Fußweg, sehen wir auf der Karte; vielleicht sogar zwölf?
Aber wir lassen uns ja nicht so leicht schrecken und wappnen uns für die lange Wanderung. In der Innenstadt haben wir nämlich den nächst gelegenen Tesco identifiziert — die einzige englische Supermarktkette, mit der wir schon (aus London) Erfahrung gemacht haben. Bei Tesco gibt’s einfach alles, sagt uns unsere Erinnerung.
Unser Trek führt uns entlang einer Parkanlage zu einer schmalen Metallbrücke über die Bahngleise, auf denen wir gestern in die Stadt gefahren sind. Durch die dünne Asphaltschicht sieht man stellenweise den stählernen Untergrund hindurchblitzen. Weiße Fahrbahnmarkierung reserviert den rechten Dreiviertelmeter für Fahrräder, den linken für fußläufige Menschen. Wir versuchen, eine Familie mit einem kleinen Jungen zu überholen, der fröhlich versonnen auf dem Mittelstreifen balanciert; er entkommt uns ein paar Mal, aber am Ende lassen wir die drei dann doch hinter uns.
Ungefähr parallel zu den Schienen verläuft eine breite Straße, die wir mit Hilfe einer geräumigen Unterführung unterqueren können. Es sind einige Leute unterwegs. Zwei junge Männer kommen uns entgegen, die sich angeregt und gut gelaunt auf Chinesisch unterhalten. Coventry scheint eine ganz schön international bevölkerte Stadt zu sein. Dafür sprechen auch vielen Geldüberweisungsläden und Wechselstuben, an denen wir in den nächsten Minuten vorbeikommen. Ich hatte Coventry bis jetzt noch nie als touristisches Ziel wahrgenommen.
Wir gehen durch eine weitläufige Fußgängerzone, die offenbar die komplette Innenstadt einnimmt. Alles ist voller Menschen und Geschäfte. Der erste „£1“-Laden fällt mir noch auf, aber nach dem vierten habe ich sie schon ins Stadtbild eingeordnet. (Offenbar gibt es hier mindestens zwei konkurrierende Ketten: Eine verkauft alles für £1, die andere alles für 99 Pence. Sicherlich einschließlich aller Artikel, die woanders billiger wären.) Ebenfalls auffällig ist die grüne „Deichmann“-Leuchtschrift an einem Schuhladen; die internationale Bäckerei, die sich den Verkauf von ausländischen Brotspezialitäten (mit Kruste, in Abgrenzung zum typisch englischen Brot, nehme ich an) auf die Fahnen schreibt; die Statue für jene Lokalberühmtheit, die offensichtlich vor 200 Jahren eine Art Easy Rider im Hochrad-Look erfunden hat; die Crêpes-Bude, die „Pancakes“, und die Würstchenbude, die metrische Längen von „Bratwurst“ und „spicy Krakauer“ verkauft; und der schiere Umstand, dass jetzt gerade, kurz nach 17 Uhr, mindestens die Hälfte der Läden bereits geschlossen hat, und die restlichen ihnen das um halb sechs gleichzutun versprechen. Wir müssen uns also beeilen.
Mit Hilfe unseres Mobiltelefon-GPS entdecken wir den angepeilten Tesco Express an einer Straßenecke. Der Laden ist winzig und eng. Ich muss eine Zahnbürste kaufen, aber Zahnbürsten sind aus. Ersatzweise lege ich „20 Flapjack Bites“ in den Einkaufskorb, weil ich sowas noch nie in Deutschland gesehen habe. (Ich werde mich sowieso im Laufe der nächsten zwei Jahre durch all die unbekannten Dinge durchfuttern müssen, die ich hier so in den Ladenregalen entdecke.) Judith greift an der einzeln verpackten Küchenrolle vorbei zum Doppelpack, und wir legen noch Nudeln und eine Nudelfertigsoße in unseren Korb; die Idee, selbst eine kochen zu können, geben wir angesichts des Nicht-Angebots von Zwiebeln auf. An der Kasse werden unsere paar Artikel ungefragt in nicht weniger als vier Plastikbeutelchen eingetütet, die wir danach in unseren mitgebrachten Rucksack stopfen.
Meiner Zahnbürstenmisere können wir — kurz vor Ladenschluss um 17:30 Uhr — dann zum Glück noch im nahe gelegenen Drogeriemarkt entkommen; dort herrscht das geschäftstypische Überangebot an in jeder denkbaren, irrelevanten Dimension unterschiedenen Zahnbürstenmodellen. Nach kurzem verwirrten Grübeln über deren relative Vorzüge greife ich nach dem Modell mit dem ergonomischst aussehenden Griff. Im nächsten Regal finde ich Duschgel und Deo der Marke, deren deutscher Markenname im Englischen nach Waldarbeiter oder mittelerdischem Zwerg klänge und die hier daher „Lynx“ heißt. („For a deeper clean, use a Manwasher!“ — das Marketing ist jedenfalls identisch.)
[Mych] Der Flug aus Frankfurt ist ruhig — nur zwischendurch gibt’s zwei- oder dreimal für ein paar Minuten etwas Ruckelei. Die letzte halbe Stunde vor dem Landeanflug fliegen wir offenbar durch eine massive Nebelbank: gleichförmiges, diffuses Hellgrau in alle Richtungen, und das Flugzeug liegt so ruhig in der Luft, als sei es am Himmel festgenagelt. Erst Momente vor dem Aufsetzen kann ich schemenhaft Dinge auf dem Grund erkennen. Minuten später stehen wir am Gate und warten darauf, rausgelassen zu werden. Und ich weiß immer noch nicht, wie Birmingham von oben aussieht.
Hinter dem Ausgang wartet Judith schon auf mich. Ihr Flug aus Berlin war schon drei Stunden früher angekommen, und sie hat die Wartezeit irgendwie am Flughafen totgeschlagen. Gemeinsam gehen wir den Schildern nach in Richtung der „AirLink“-Verbindung zum Bahnhof, die sich als vollautomatisierte, unbemannte Einschienenbahn herausstellt. Die Fahrt dauert nur drei Minuten. Schade eigentlich; die Aufzugmusik da drin war so nett.
Am Bahnhof kauft Judith für uns beide Bahnfahrkarten nach Coventry — für ganze £2.20 pro Person; meine Nahverkehrsfahrkarte in Frankfurt zum Flughafen war teurer gewesen. Allerdings soll ja auch die Reise von Birmingham nach Coventry kürzer ausfallen als meine vom Stadtrand Frankfurt zum Flughafen Frankfurt. Ein Zug ist uns gerade vor der Nase weggefahren, aber der nächste kommt schon ein paar Minuten später. Judith wuchtet ihren knapp unter 23 Kilo schweren Rucksack-Trolley die steilen Einstiegsstufen hoch. Wir machen uns nicht die Mühe, uns Sitzplätze zu suchen; nicht für 9 Minuten Fahrtzeit.
Auch in Coventry regnet es in Strömen. Wir haben noch genug Zeit bis zum vereinbarten Treffen mit Judiths neuen Vermietern; unter anderen Umständen wären wir wahrscheinlich gelaufen, aber bei diesem Wetter nehmen wir lieber ein Taxi. Fragen tun sich auf: Sollten wir hierzulande in das Taxi am vorderen Ende der Schlange einsteigen? Und: Wo ist das vordere Ende der Taxischlange? Während wir noch mit unseren interkulturellen Unsicherheiten hadern, hupt uns der uns am nächsten stehende Taxifahrer an und bedeutet uns, einzusteigen. Ich suche sowas wie eine Kofferraumklappe am Heck des Fahrzeugs, aber vergebens: Das Taxi besteht aus einem Drittel Fahrerkabine, zwei Drittel Fahrgastraum (mit genug Platz für all unser Gepäck), und null Prozent Kofferraum.
Judith nennt die Adresse. Das Taxi vor uns in der Schlange und seine kompliziert einsteigenden Fahrgäste werden von unserem Fahrer mit routinierter Verärgerung kommentiert, dann umschifft er sie einfach und es geht los. Wegen der beschlagenen Scheiben im Fahrgastraum können wir gar nicht so viel nach draußen schauen, aber die Fahrt dauert auch nur wenige Minuten. Ich übergebe dem Fahrer eine £5-Note aus Judiths Geldbörse (inklusive Trinkgeld) durch die Durchreiche zur Fahrerkabine. Der Fahrer bedankt sich nett („Thank you very much indeed!„) und fährt im Regen davon.
Judith hat sich dem Wetter angemessen ausgestattet und hat eine regendichte Kapuze — ich habe meine natürlich zu Hause gelassen und flüchte in den winzigen, unverschlossenen Windfang des Hauses, das wir als das richtige ausgemacht haben. Es gibt keinen erkennbaren Klingelknopf, also klopfe ich laut gegen die Holztür. Nichts tut sich. Ich versuche es ein weiteres Mal. Judith kramt derweil die Rufnummer von Claire, ihrer Vermieterin, heraus und erreicht sie tatsächlich. Ein kurzes und etwas verwirrtes Telefonat entspannt sich, aber jedenfalls will Claire „in einer Minute“ da sein.
Es dauert länger als 60 Sekunden, aber tatsächlich taucht kurz darauf ein Minibus mit einer jungen Frau am Steuer auf, der in der Einfahrt hält. Was ich auf den ersten Blick für ein grünes Kopftuch halte, sind ihre Haare. Sie kommt uns mit einem freundlichen Grinsen entgegen, begrüßt uns fröhlich und schließt uns die Vordertüre auf.
Der enge, verwinkelte Flur führt an einer anderen Wohnungstür vorbei (offensichtlich des Appartments in Richtung Straße) und mündet in der Tür zu Judiths neuer Unterkunft. Während sie uns durchs Haus führt, entschuldigt sich Claire gut gelaunt für ihre staubigen Klamotten — sie käme gerade von der Baustelle eines anderen Hauses. Heute ziehen noch drei andere Leute bei ihr ein. Im Flur hängt ein ausgedruckter Zettel mit den Namen der Mietgäste, und Claire erzählt über jeden von ihnen ein bisschen was. In einer der Wohnungen in der oberen Etage wohnt der einzige Langzeitgast, Trevor, der übrigens in einem Chor singt.
Hinter Judiths Wohnungstür (die sie übrigens nicht abschließen soll, wenn sie weg geht, wegen der Feuerwehr) finden wir erstmal weitere anderthalb Meter Flur mit Kleiderhaken und der Tür zum Badezimmer. Claire steckt ihren bezopften Kopf ins Bad und freut sich, dass es tatsächlich gereinigt worden ist.
Kofferexplosion. Im Hintergrund rechts: Schaukasten für T-Shirts.
Fernsehen inklusive. Opernglas wird empfohlen.
Maus zuhaus. Ein Teil der Küchenausstattung erzeugt den heftigen Wunsch nach Dekontamination vor der ersten Verwendung.
Durch die Tür am Ende des Mini-Flurs kommen wir dann endlich in den Schlaf-, Wohn-, Koch- und Essbereich: Ein Raum von ungefähr 20 Quadratmetern, die vorderen zwei Drittel mit dickem Teppichboden ausgelegt, das hintere Drittel (abtrennbar mit einem bodenlangen Vorhang) ist die Küche mit einem runden Esstisch in der Ecke. Im Wohnbereich steht ein breites Bett und eine Doppelcouch mit einem netten, niedrigen Couchtisch davor. Auf der Kommode auf der anderen Wandseite steht eine Blumenvase mit einem weißen synthetischen Blumenstrauß und ein possierlicher kleiner Flachbildfernseher von etwa DIN-A4-Ausmaßen. Direkt daneben lässt sich etwas erkennen, was wohl einmal ein Kamin gewesen sein muss, aber die davor geschraubte Pressspanplatte unterbindet weitere Benutzung. Ähnlicher handwerklicher Charme findet sich noch an einigen anderen Stellen in der Wohnung: Die Mittelbefestigung der Gardinenstange in der Mitte des Raums ist ein bisschen asymmetrisch mit einem unbehandelten Stück gehobelter Baumarktlatte mit drei Spaxen in die Decke geschraubt; und die weiße Wandbemalung der (mit einem Blumenmotiv texturierten) Tapete im Küchenbereich lässt ihre ursprüngliche Farbe — hellblau, wie im Wohnbereich — deutlich durchschimmern.
Claire weist auf den sehr schönen Ausblick durch die Terrassentür auf den Garten hin — naja, hm, sicherlich noch sehr viel schöner, wenn’s nicht gerade in Strömen regnet, gibt sie zu. Da steht seitlich eine kleine Holzbank, die bei besserem Wetter (und höheren Temperaturen) zum Verweilen einlädt. Auf dem Rasen befindet sich ein Klettergerüst aus bunt lackiertem Metallrohr und ein kleines Trampolin, in das jemand ein Loch gehüpft hat. Claire zaubert von irgendwoher den Papierkram hervor. Judiths Miete war schon zuvor vereinbart; mein Zusatzbeitrag sollte eigentlich £25 pro Woche betragen, aber da ich ja in diesem Monat nur an zwei Wochenenden da sein werde, ist Claire mit dem einfachen Betrag völlig zufrieden. Schlüssel werden übergeben — gegen £5 Schlüsselpfand, das wohl höchstens den schieren Wiederbeschaffungswert abdecken dürfte; offensichtlich verschwinden Schlüssel regelmäßig mal in alle Ecken der Welt, weil sie versehentlich von ausziehenden Mietern mitgenommen werden. Die gemeinsame Vordertür des Hauses darf nur zugezogen, nicht abgeschlossen werden, denn man kann den von außen verschlossenen Riegel von innen nicht öffnen. Gut zu wissen.
Die nächsten anderthalb Stunden verbringt Judith damit, ihren Koffer explodieren zu lassen. Nachdem die T-Shirts in der Vitrine deponiert sind (ein Kleiderschrank existiert nicht), der Fotokalender über dem Kamin aufgehängt wurde, die laut tickende elektrische Analoguhr zum Schweigen gebracht und das WLAN auf diversen Endgeräten eingerichtet wurde, fühlt sich die Wohnung schon fast wie ein Zuhause an.