Kein Regen auf den Orkaden

[Maus] Nachdem wir mit Vivi Oslo unsicher gemacht haben, ist unser Urlaub gerade einmal halb rum. Ein Hochzeitsgeschenk von Mark und René führt uns zum Orkney Folk Festival.

Von London aus geht es mit der Propellermaschine nach Aberdeen – die monochromste Stadt, die wir je gesehen haben. Alles ist aus grauem Granit gebaut und wirkt auf mich, als hätte jemand im Ausmalbuch noch nicht angefangen, auszumalen. Aber wir haben auch nicht viel Zeit, bevor unsere Fähre nach Kirkwall auf Orkney Mainland ablegt.

Sechs Stunden braucht die Fähre und kommt fast auf die Minute genau an. René ahnt zu diesem Zeitpunkt schon, dass unser Taxi trotz Vorbestellung gleich weg sein könnte, und so eilen wir hinaus – um sogleich feststellen zu müssen: Es gibt tatsächlich ein interessantes Problem. Der Taxifahrer versucht, insgesamt sieben Menschen in sein Auto zu bekommen, und trotz eines Notsitzes im Kofferraum will es einfach nicht gelingen, dass wir alle ins Auto passen. Immer wieder sagt er uns, er dachte wir wären nur zu viert (Spoiler: wir sind nur zu viert) und bemerkt nicht, dass ein weiterer Fahrgast, den er offenbar schon häufiger gefahren hat, diesmal zu zweit aufgetaucht ist. Schließlich einigen wir uns und wir vier werden zunächst mit dem Gepäck der anderen beiden Fahrgäste zu unserer Unterkunft gefahren.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg nach Stromness, um unsere Leihräder abzuholen und das erste Konzert anzuhören. Wir hatten keine Vorstellung, was wir zu erwarten haben, aber nach dem ersten Beitrag von zwei älteren Damen, die mit langweiligen Melodien und stumpfsinnigen Texten zu beeindrucken versuchten, habe ich Sorge, ob ich den Rest ohne einzuschlafen überstehen kann.

Meine Sorge ist unberechtigt. Es folgen zwei sehr junge Bands – TRIP und Kabantu – und die rocken das Obergeschoss des Pubs, in dem das Konzert stattfindet. Von Kabantu sind wir so begeistert, dass wir ihr Album zwei Tage später kaufen werden.

Im Anschluss radeln wir zur orkneyischen Thingsite in Tingwall. Wir erwarten etwas Ähnliches wie auf Island vorzufinden und sind irritiert, als wir nur eine Geocaching-Dose finden. Unseren mit wunden Hintern erkauften Ausflug zur Thingsite begießen wir am Abend zurück in Kirkwall in einem niedlichen indischen Restaurant mit pinkfarbenen Wänden.

Für den nächsten Tag planen wir einen Ausflug zur italienischen Kapelle, die im zweiten Weltkrieg von italienischen Kriegsgefangenen erbaut wurde. Mit unfassbar viel Talent und Geschick wurde aus einer der hässlichen Barracken ein Kunstwerk geschaffen, das die Bevölkerung von Orkney so sehr mag, dass sie es sogar Jahrzehnte später von den Orginalerbauern restaurieren ließ. Unseren Hintern geht es derweil noch schlechter und wir entscheiden uns, zurückzufahren und lieber noch der Destillerie von Highland Park einen Besuch abzustatten.

Hier werden noch alle Herstellungsschritte vor Ort gemacht. Vom Mälzen auf Tennen, Darren mit Torf, Schroten und Maischen, übers Gären und schließlich das Destillieren und Lagern in Fässern. So umfassend war noch keine der Führungen, die wir bis dato mitgemacht haben. Highland Park Whisky ist noch dazu sehr süffig und sehr empfehlenswert.

Zurück in Kirkwall besuchen wir die St. Magnus-Kathedrale für ein weiteres Folkkonzert. Hauptakt des Abends ist Duncan Chisholm mit seiner Band. Es wird ein meditatives, sphärisches Konzert, das zum Träumen einlädt und den wunden Hintern vergessen macht.

Für unseren letzen Tag auf Orkney stehen ein paar historische Orte auf unserer Liste. Der Hintern schmerzt fast nicht mehr, als wir bei Maes Howe ankommen.

Vor etwa 5000 Jahren erbaut, ist von außen nur ein grüner Hügel zu sehen. Drinnen kann man ein beeindruckendes jungsteinzeitliches Grab besichtigen.

Große und kleine Steinplatten, die vom Strand hierher gezogen wurden, sind zu einer Halbkugel aufgeschichtet worden. Durch einen langen, ziemlich niedrigen Gang gehen wir Richtung Grabkammer. Dort angekommen kann man drei Kammern entdecken, die wohl zur Aufbewahrung von Knochen diente. Das allein wäre für mich ja schon spannend genug, aber hier gibt es auch noch Wikingergraffitis zu sehen. Als diese vor etwa 1000 Jahre die Orkaden anfingen zu besiedeln, haben in Maes Howe ein paar Wikinger Unterschlupf gesucht, als sie in einen Schneesturm gerieten. Und was macht man so, wenn man eingeschneit ist? Richtig, alte Grabstätten mit Graffitis verschönern.

Wir radeln weiter Richtung Westküste und kommen am Ring von Brodgar, einem Henge, entlang. Das ist mit 104 Metern Durchmesser sogar größer als Stonehenge und hier sehen wir auch die großen Steinplatten, die wir von Maes Howe schon kennen, wieder.

An der Westküste besichtigen wir zu guter Letzt Skara Brae und Skaill House.

Ein Sturm hat dort im Jahr 1850 an der Küste eine jungsteinzeitliche Ansiedlung freigespült. Auch hier wurden wieder große Steinplatten verwendet und am Strand sieht man nun auch, wo die herkommen. Der ganze Strand ist voll mit Steinplatten unterschiedlicher Größen und erinnert ein wenig an ein Baustofflager. Kein Wunder also, dass die Siedlung ausgerechnet hier gebaut wurde.

Skaill House gibt es seit etwa 1620, und es wurde über die Jahrhunderte immer weiter ausgebaut. Wir besichtigen das 1997 restaurierte Herrenhaus und machen uns auf den Weg nach Stromness, wo wir das Abschlusskonzert in der imposanten Town Hall anhören.

Ein letztes Highlight gibt es noch, denn wir checken am Abend auf der Fähre ein, die uns am Morgen nach Scrabster übersetzt. In unserer Viererkabine mit eigenem Bad verbringen wir die Nacht und stehen pünktlich zur Abfahrt auf, damit wir The Old Man of Hoy im Vorbeifahren sehen können.

Wir kommen wieder – es gibt noch viel zu erkunden.

Kein Regen auf den Orkaden

Oslo: Der Abhang und der Eisberg

[Mych] Langsam und beharrlich schiebt sich der kurze Zug die Gleisstrecke hoch, die sich den Berghang entlang um den Holmenkollen windet.

Vor einer halben Stunde, als wir noch im Tiefgeschoss des Osloer Hauptbahnhofs gewartet hatten, hatten wir uns noch gewundert, warum dieser Zug nur halb so lang wie alle anderen sein sollte. Jetzt sehen wir es auch: Je höher wir kommen, desto häufiger bleibt beim Halt die Hälfte der Wagentüren zu, weil die Bahnsteige zu kurz sind; und mir ist ohnehin schon nicht ganz klar, wie die Bahn sich hier ohne Zahnrad den Berg hochziehen kann.

Wir haben uns, einer Empfehlung folgend, auf die linke Seite gesetzt und werden zwischen den Bäumen mit einem grandiosen Ausblick aufs sonnenüberflutete Oslo belohnt.

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Ich habe eine vage Erinnerung an Lillehammer bei unserem ersten Ziel des heutigen Tages – an den ‚kleinen Berghang‘, wo in antiker Vergangenheit, circa 1994 unserer Zeitrechnung, olympische Winterspiele veranstaltet worden waren –, aber meine Erinnerung führt mich fehl: Der Holmenkollbakken, die große Skisprungschanze auf dem ‚Hügel beim Holmenhof‘, hat nur in noch viel fernerer Vergangenheit einmal an irgendwelchen olympischen Ereignissen mitgewirkt. Das ‚Mekka des nordischen Skisports‘ ist die gewaltige Schanze nichtsdestotrotz.

Ich fahre selbst gerne Ski, ganz so wie der König (nur vielleicht weniger königlich-stilvoll), aber der Reiz des Skispringens bleibt mir ebenso im Verborgenen wie der der meisten anderen Sportarten im Fernsehen. Meine eigene Erfahrung im Skifliegen beschränkt sich auf kurze, rare ‚Oh, Mist‘-Momente auf der Piste am Ende eines langen Skitags mit dem zweifelhaften Erfolg, danach einen Teil meines Equipments von irgendwo hangaufwärts wieder zusammensuchen zu müssen. Von einer Struktur, von der aus sich Leute auf Latten im Parabelflug an Zuschauerrängen vorbei schleudern lassen, erwarte ich mir am Morgen noch nicht soo viel.

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Nach einer knappen halben Stunde Bahnfahrt kommen wir an. „278 moh.“, sagt das Schild am Bahnsteig – fast dreihundert Meter über Meereshöhe, wo wir unsere Reise begonnen hatten. Das untere Ende der Schanze liegt nochmal höher. Da führt uns kein Zug mehr hin; nur noch ein Fußweg am Rande einer schmalen Straße.

Wir pilgern hoch, zusammen mit einer Handvoll anderer Touristen, und stehen schließlich im Schatten der Schanze, die sich über uns auftürmt.

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Ein paar Schritte entfernt steht eine Kapsel auf fauchenden hydraulischen Beinen, die in ihrem Bauch gerade rabiat ein halbes Dutzend Leute im Rhythmus einer World-Cup-Skiabfahrt durchschüttelt. Daneben der Eingang zum Skimuseum am Holmenkollen. Wir gehen rein.

Wir tauchen in das Museum ein wie in eine andere Welt. Eine Treppe führt uns nach oben in einen runden Raum, in dem wir über die ersten Skikompanien des norwegischen Militärs im 18. Jahrhundert und ihre unterschiedlich langen Skier lernen. Modelle zeigen uns die Historie der Schanzenkonstruktionen am Holmenkollen. Die ersten lagen noch im natürlichen Hang des Bergs; erst später beugte man sich auch in Norwegen der aus den USA kommenden Mode, von künstlichen Strukturen aus zu springen – eine Abscheulichkeit in den Augen der norwegischen Zeitgenossen. Ein Gang führt an handgefertigten antiken Skiern mit aufwendigen Verzierungen vorbei. Ein Nebenraum befasst sich interaktiv mit der Klimaveränderung und ihrem Effekt auf Norwegen.

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In einem kleinen Kino betrachten wir einen kleinen Dokumentationsfilm über die Aurora Borealis, die ‚Dämmerung des Nordens‘, die wir in Island schon selbst erlebt hatten.

Eine weitere Treppe führt uns zu einer Aufzugstür, vor der schon eine kleine Handvoll anderer Leute warten. Wir warten mit und steigen schließlich in einen Lift ein, der meiner anfänglichen Vorstellung von einer Zahnradbahn schon näher kommt: Eine kleine Gondel fährt uns in steilem Winkel den Hals der Schanze hoch. Zwischen den Stahlstreben bietet sich uns ein fantastischer Ausblick aufs Hinterland.

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Oben angekommen schauen wir erst noch für ein paar Minuten zwei jungen Männern im Sicherungsharnisch zu, die mit nicht völlig entspanntem Grinsen im Gesicht warten müssen, bis sie endlich am Stahlseil hängend den guten Drittelkilometer bis zum Ende der Landezone hinunter jagen können. Das wäre schon mehr so mein Ding, aber an die Zipline übers Eden Project kommt das hier dann doch nicht ran.

Noch eine kurze Treppe höher sind wir am Gipfel der Schanze. Der Rundumblick ist atemberaubend.

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Wir fahren zurück in die Stadt zum Hauptbahnhof und gehen von dort aus zum Operahuset i Oslo, dem neuen Opernhaus, dessen weißes Marmordach sich wie ein Eisberg sanft aus dem Meer erhebt.

Schwäne paddeln am Ufer des Operndachs. Der Weg nach oben ist nicht sehr steil, aber nicht ohne Tücken: Immer wieder ziehen sich flache Stufen in unregelmäßigen Winkeln und Abständen quer über den rauen Stein. Das Empfinden einer Wanderung durch die Berge Norwegens soll der Weg über die Strukturen heraufbeschwören; und: Die hohe Kultur des Opernhauses will sich nicht auf einem Podest präsentieren, sondern sich der Bevölkerung buchstäblich unterordnen. Ein schöner Gedanke. Für mich zumindest funktioniert er gut.

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Nach dem Abstieg haben wir noch ein paar Stunden totzuschlagen, bevor wir wieder zurück zum Flughafen müssen.

Vom Operndach aus hatten wir eine kleinen Sammlung dreieckiger Holzstrukturen am Ufer gegenüber des Hafens gesehen und begeben uns neugierig dorthin. Die Häuser erweisen sich als Teil von Salt, einem ’nomadischen Musik- und Kulturprojekt‘, das sich dieser Tage gerade im Hafen von Oslo niedergelassen hat. Eine der Holzkonstruktionen stellt sich als weltgrößte mobile Sauna heraus, von deren oberer Etage aus man, im hölzernen Liegestuhl sitzend, einen begeisternden Ausblick aufs Meer haben muss. Die Norweger lieben ihre Saunas einfach. Finde ich sympathisch und nachvollziehbar.

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Wir saunen nicht, sondern trinken nur ein Bier im Halbschatten des ‚Solarbaums‘ vor dem aus Treibholz zusammen gezimmerten Bar-Häuschen, und sinnieren über die letzten paar Tage. Nächstes Mal, wenn wir wieder nach Oslo kommen, nehmen wir uns ein Hausfloß, und wir schauen uns den ganzen Rest an. Versprochen.

Oslo: Der Abhang und der Eisberg

Oslo: Irrlauf nach Bier und geöffneten Attraktionen

[fifi] Nachdem wir mit unseren Besichtigungen am Samstagabend fertig waren, dachten wir: So ein Sixpack Bier im Appartement wäre doch eine Option. Leider hatten wir die Rechnung ohne die Norweger gemacht. Und so irrten Michael und ich von einem Supermarkt zum anderen.

Im ersten: nur Brause, Wasser und Energydrinks. Im zweiten: Jalousien vor der Bierauslage. Im dritten: Schlösser vor den Sixpacks. Dabei waren wir doch so gut wie am Ziel.

Michael fragt höflich nach, die nette Dame an der Kasse sagt ganz selbstverständlich: Erst ab Dienstag gibt es wieder Alkohol zu kaufen. – Ups … so hatten wir uns das nicht vorgestellt. Mit hängenden Köpfen ziehen wir wieder ab.

Das ist der Anfang einer beginnenden Pechsträhne. Naja, wenigstens das Wetter ist toll. Zum Verdauen der Nachricht schlafen wir mal eine Nacht drüber. Am Morgen sieht es meist wieder besser aus. Ist auch so: Wir haben keinen Schädel.

Unser Plan für heute sieht die Besichtigung des Akerhus Slott und der Akerhus Festningen vor. Da hier alles so super nah ist, laufen wir einfach mal rüber. Zwischenstopp wollen wir auf dem sonntäglichen Markt am Blå machen.

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Aber was ist das? – Der Markt besteht aus einem winzigen Stand mit Schmuck. Was für ein Reinfall. Soll es etwa so weitergehen? Hoffentlich nicht.

Nach einem großen Kaffee, belegtem Brötchen und den ach so leckeren süßen Bollen (Brötchen) geht’s uns wieder besser.

An der Festung dann ein erneuter Rückschlag: Schloss wegen Bauarbeiten geschlossen, Festung wegen Pfingsten zu. Was?

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Aber was soll’s – das Wetter ist fabelhaft und so setzen wir unsere Besichtigungen einfach fort. Schließlich gibt es noch so viele weitere Dinge zu besichtigen.

Auf der Festung ist auch das „Heimatfrontmuseum“ untergebracht, und das war offen. Der Oslo Pass gewährt uns freien Eintritt und so tauchen wir ein in die Geschichte der Königsfamilie und deren Rolle im Zweiten Weltkrieg.

Besonders interessant ist hier, wie tief die Norweger mit ihrem Königshaus verbunden sind. Und das obwohl es sich ja nur um einen ‚geborgten‘ Dänenkönig handelt, der erstmal mühevoll mit Skifahren zum Norweger gemacht werden musste.

Nach soviel Geschichte brauchen wir erstmal eine kleine Pause, und so lassen wir uns treiben und sammeln ein, zwei Geocaches ein. Jetzt sind wir bereit für moderne Kunst, und so zieht es uns zum Astrup Fearnley Museet.

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Kunst kann so vielschichtig sein: Einiges, was wir sehen, ist – wie soll ich sagen – in unseren Augen wenig verständlich. Wirre Skulpturen aus Müll, scheinbar wahllos zusammengefügt, wild drapiert. Ganz anders die für uns verstörenden Filmaufnahmen untermalt mit Musik… Wahnsinn, was Künstler so erschaffen.

Im zweiten Teil der Ausstellung dann Bilder. Am besten gefällt uns eines von Anselm Kiefer. Ein riesiges Bild, aus der Nähe betrachtet kann ich nichts erkennen. Ich trete mehrere Schritte zurück und da eröffnet sich die Skyline einer Stadt. Ich frage mich: Wie hat er das gemacht? Begeisterung macht sich breit. Noch einige Male muss ich vor und zurück. Ich habe meine Kunst gefunden.

Am Ufer der Insel Tjuveholmen lassen wir die Eindrücke sacken und beschließen spontan noch einmal nach Bygdoy überzusetzen. Gestern war ja einfach viel zu wenig Zeit, alle Museen anzusehen, und eines wollten wir unbedingt sehen. Und so lassen wir unsere Pechsträhne zurück und erreichten direkt die nächste Fähre.

Da liegt es vor uns. Das Museum für echte Abenteuerer: Kon-Tiki.

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Sechs Männer – ein Boot aus Balsaholz – eine Überfahrt.

Thor Heyerdahl bewies mit seiner in den 1950er Jahren gestarteten Expedition, dass Polynesien von Osten (Südamerika) her besiedelt wurde.

Spannend ist hier vor allem, dass alle sechs Männer ohne irgendwelche besonderen Qualifikationen zu der Expedition starteten. Aber allein durch Ihren Willen, es zu schaffen, und den Mut aufzubringen, sich auf ein Abenteuer einzulassen, haben sie es geschafft und damit die These, die keiner glauben wollte, bestätigt. Auch wir sind sehr beeindruckt.

Wir haben einen Lauf: Auch unsere Rückkehr auf das Festland bestreiten wir zügig. Nach mittlerweile 15.000 Schritten haben wir eine kleine Verschnaufpause mehr als verdient. Und so verbrachten wir den späten Nachmittag und den Abend im trubeligen Aker Brygge.

An unserem letzten Abend sollte es ein prächtiges Abendessen sein und so kehren wir ins Louise ein und verspeisen die leckerste Meeresfrüchteplatte plus Wein plus Nachtisch.

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Nach soviel Kalorien bleibt nur noch eine Option: Der Weg nach Hause kann nur zu Fuß bestritten werden.

Diesmal wählen wir den Weg über det kongelige Slott. In der Abendsonne können wir dem lustigen Treiben der Wachen folgen und einfach die Seele baumeln lassen. Was für ein toller Tag es doch noch geworden ist.

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Oslo: Irrlauf nach Bier und geöffneten Attraktionen

In Oslo mit Frooonck

[Maus] Wir sind mal wieder im Norden. Im Norden ist es sonnig und warm.

So auch dieses Mal bei unserem Kurztrip nach Oslo. Doch warum eigentlich Oslo? Nun ja, letztes Jahr hatten wir ein richtig dolles Fest zu planen und haben uns dafür einen Hochzeitsplaner namens Frooonck gesucht (in der Realität ist es Vivi, die unsere fleißigen Leser aus Cornwall kennen). Unser Frooonck hat wesentlich dazu beigetragen, dass unser Fest unvergesslich wurde, und so dachten wir uns, wir revanchieren uns mit einer Reise in eine europäische Stadt ihrer Wahl. So richtig entscheidungsfreudig war sie dann jedoch nicht und sagte nur: „Ach, irgendwas Skandinavisches wäre schön.“

Nach ein wenig Recherche befand ich Oslo für schön und buchte uns Unterkunft und Flüge.

Gestern haben wir uns dann in Berlin getroffen, um gemeinsam nach Oslo zu fliegen und sind dank OsloPass und sehr hilfsbereiten Osloern in unserer Unterkunft im Stadtteil Grünerløkka gut angekommen. Dieser Stadtteil entpuppt sich als Studentengegend – in der Nacht wird es ungewöhnlich laut, aber es ist hier ganz hübsch.

Nachdem wir uns bummelnderweise die Gegend angeschaut haben, kehren wir noch in ein Restaurant ein, um uns ein Bild von Preisen zu machen. Es bleibt zunächst noch moderat. Da sind wir andere Preisklassen aus Island gewohnt.

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Heute Morgen geht es zum Frühstücken auf die andere Straßenseite in eine Bäckerei vom Feinsten. Die Entscheidung fällt schwer, aber Michael und Vivi haben letztlich den gleichen (Krabben-)Geschmack und ich nehme was Unkontroverses mit Hühnchen. Die süßen Teilchen können wir dann leider auch nicht links liegen lassen, so dass mir mein Bauch nach diesem Mahl ein wenig schmerzt.

Das Programm ist voll und so beginnen wir mit einem Spaziergang zum Hafen.

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Dort wollen wir eigentlich eine Hop on-Hop off-Tour mit einem alten Segelschiff machen, müssen dann aber erfahren, dass das erst im Juni wieder bereitsteht. Über diese Enttäuschung hilft uns aber schnell unser Guide hinweg, der klamaukig über die Attraktionen zu beiden Seiten berichtet. Am Fram-Museum steigen wir aus und statten ihm auf Empfehlung unseres Guides auch einen Besuch ab.

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Ein absolut tolles Museum, in dem man sicher auch einen ganzen Tag verbringen könnte. Man kann hier alles über die Arktisexpeditionen erfahren. Die Fram, nach der dieses Museum benannt wurde, war ein Expeditionsschiff, dass gebaut wurde, um die Arktis zu erkunden. Fridtjof Nansen hat den Bau des Schiffes in Auftrag gegeben. Es sind in dem Museum sogar zwei Expeditionsschiffe ausgestellt, in die man auch hineingehen kann.

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Das Fram-Museum befindet sich zusammen mit einer handvoll weiteren Museen auf der Halbinsel Bygdøy. Mein Plan für heute sah eigentlich vor, dass wir alle Museen auf der Insel besuchen. Daraus wurde nichts, denn erst kurz vor drei schafften wir es uns vom Fram-Museum loszureissen, um wenigstens noch das Norsk Folkemuseum zu besuchen.

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Auch hier gab es so viel zu sehen, dass wir irgendwann unseren Besuch abgebrochen haben, damit wir noch mit der Fähre zurückfahren konnten. In Oslo kann man locker eine ganze Woche zubringen, ohne sich jemals gelangweilt zu haben.

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Unser Abendessen genießen wir am Hafen auf einem Schiff mit reichlich Sonnenschein, und als die Sonne dann doch hinter den Häusern verschwindet, laufen wir noch zur Festung hoch, um unseren Sonnenbrand mit einem 12 Euro teuren 10-cl-Glas Wein in der Hand zu verstärken.

In Oslo mit Frooonck

Island: Reykjavik

[Maus] Ich bin platt. Nach einem Wochenende, das schöner nicht hätte erträumt werden können, ging es heute in aller Frühe los in Richtung Island.

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Wir haben uns die Saga Class gegönnt und sind mit Beinfreiheit, leckerem Frühstück, Decke, Kissen und einem einzigen weiteren Fluggast in unserer Klasse geflogen. Völlig tiefenentspannt sind wir in Kevlavik gelandet und haben unseren Mietwagen am Flughafen abgeholt; ein silberfarbener Škoda Fabia. Dem aufmerksamen Leser unseres Blogs fällt natürlich sofort auf, dass wir dieses Auto auch schon in England gefahren haben.

Die Fahrt nach Reykjavik übernimmt Michael. Die Straße führt durch eine Mondlandschaft ohne Bäume. Auf halber Strecke entdecken wir Strukturen, die aussehen, als hätte die Erde Blasen geschlagen. Wahrscheinlich ist genau das passiert. Nach einer guten Dreiviertelstunde kommen wir in unserem Hotel an und haben eigentlich noch drei Stunden bis zum Check-in. Man gibt uns einfach ein Zimmer, das schon aufgeräumt ist. Da wir inzwischen trotz Frühstück im Flugzeug hungrig sind, beschließen wir, im Restaurant nebenan zu Mittag zu essen.

Der Tag ist noch jung, und obwohl wir beide müde sind, ziehen wir nach unserer Stärkung los, um die Stadt zu erkunden. Es zieht uns zunächst an den noch ursprünglichen Strand von Reykjavik, von dem aus man einen guten Blick auf den Hafen hat. Hier befindet sich außerdem das Sigurjón Ólafsson Museum, um das herum lauter Skulpturen stehen. Überhaupt findet man in Reykjavik viele Skulpturen. Man könnte vermutlich den ganzen Tag damit zubringen, Skulpturen anzuschauen.

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In der Ferne entdecken wir die Harpa und schlendern am Wasser entlang darauf zu, lassen uns treiben und genießen die Seeluft. Der Landnámssýningin (The Settlement Exhibition Reykjavík 871±2) statten wir einen Besuch ab, zum Vergleich mit dem Jorvik Discovery Centre in York. Im Keller hat man vor ein paar Jahren bei Ausgrabungen die Überreste einer Siedlung aus der Wikingerzeit entdeckt. Durchaus interessant, aber die Ausstellung is klein und unaufgeregt. Verglichen mit Jorvik ist es nur so lala.

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Wir gönnen uns am Hafen einen Kaffi und dazu Möhrenkuchen und spüren deutlich, wie sich Erschöpfung breit macht. Doch das ignorieren wir und weiter geht es mit der Erkundungstour. Die führt uns zur Kathedrale, die sehr schlicht, aber trotzdem beeindruckend ist. Dort machen wir unsere leichteste Turmbesteigung mit, nämlich per Lift. Von dort oben hat man einen herrlichen Ausblick auf die Stadt und die vielen bunten Häuschen. Doch die Erschöpfung lässt sich nun kaum mehr abschütteln und wir kehren ins Hotel zurück mit der Idee, später noch einmal in das Stadtzentrum zum Abendessen zurückzukehren.

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Tja, nach einem Stündchen Augenausruhen ist das Abendessen gestrichen. Wir gehen heute nirgends mehr hin. Außer vielleicht in die Lobby, um was zu Knabbern zu holen. Morgen, wenn wir wieder frisch sind, arbeiten wir an den Abenteuern.

Island: Reykjavik

Küste der Träume

[Maus] Ich wache vor dem Weckerklingeln auf. Unser letzter Tag in Cornwall ist angebrochen und begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Als ich hochgehe in unser Wohnzimmer, hat Viviana bereits unsere Balkontür weit geöffnet, um die frische Seeluft hereinzulassen und den Geruch von Bier und kaltem Fudge vom Vorabend zu vertreiben.

Lizard Point, unser heutiges Tagesziel, ist der südlichste Punkt Großbritanniens. Die Fahrt führt uns über unsere inzwischen heißgeliebten engen Sträßchen, die sich durchs Heckenlabyrinth winden. Michael hat das Weit-links-Fahren perfektioniert, kleine Zweige streifen immer wieder unser Auto. Trotzdem ich immer wieder zusammenzucke und merkwürdige Laute von mir gebe, bleibt das Auto völlig unbeschädigt.

Am Ziel liegt uns eine steile und rauhe Felsküste zu Füßen. Oberhalb der Klippe sind die Felsen bewachsen mit allerlei seltenen Pflanzen, die Sonne küsst die Küste, fast wolkenloser Himmel – ein herrlicher Spätsommertag.

Natürlich nutzen wir den Tag auch wieder, um Dosen zu fischen (Geocaching). Ich suche in der Nähe einer kleinen Hütte des National Trust und als ich nichts entdecken kann, werde ich von einem Seeräuber (oder jemandem, der so aussieht) in Unterhemd und schmutzigen, aber bequem aussehenden Cargohosen angesprochen, was ich denn in dieser Ecke suche. Verdutzt blicke ich den Mann an und gestehe, dass ich nach einer Dose suche, und hoffe, er will mir nicht ans Schlawittchen. Er grinst, greift in die Ecke. Hinter einem Vorhang aus dickblättrigen Pflanzen zieht er die Dose hervor. „Da oben ist auch noch eine.“ sagt er und deutet mit dem Finger zum Leuchtturm. Ich bin erleichtert; so leicht war Dosenfischen noch nie.

Wir wandern zum Strand hinunter; ein Earthcache macht uns auf die vielfältigen geologischen Besonderheiten aufmerksam. Glimmerschiefer, Gneis und Serpentinit, und vom Meer ausgehöhlte Felsen, die uns mal wieder zu Höhlenforschern werden lassen, kann man hier entdecken.

Als wir gerade noch eine der Höhlen erforschen, hören wir Rufe von draußen: „Hier sind Seehunde.“. Als ich draußen bin staune ich – oh, das sind Seehunde? Ich wundere mich über die merkwürdige Form der Flossen, und plötzlich gibt es Entwarnung. Doch keine Seehunde – nur Taucherrobben. Keine zwei Minuten später taucht ein Kopf aus dem Wasser hoch, dann ein großer grauer Bauch. Endlich – ein richtiger Seehund. Immer wieder guckt er aus dem Wasser heraus, taucht wieder unter, streckt dabei seinen Bauch aus dem Wasser heraus. Es ist eine Wonne, ihm zuzuschauen.

Bald brechen wir auf, denn die Flut überspült langsam das kleine Stück Strand auf dem wir uns befinden. Eine zweite geologische Besonderheit wartet keine 700 Meter entfernt von dem kleinen Strand darauf, von uns entdeckt zu werden. Ein Stückchen von der Klippe entfernt, auf der wir stehen, ragt mitten aus dem Meer eine steinerne Stele, ein sogenannter Brandungspfeiler. Wir breiten unsere Decke aus und machen eine kleine Pause, um alle Datenpunkte zu erfassen, die wir für diesen Earthcache brauchen, uns auszuruhen und an dieser Traumküste ein wenig die Seele baumeln zu lassen.

Plötzlich höre ich wieder: „Seehunde“. Michael und Viviana rennen ausgerüstet mit Kameras den steilen Abhang hinab, um vielleicht noch mal ein Bild von diesen wunderbaren Meeresbewohnern zu bekommen. So, wie wir den Urlaub begonnen haben, endet er auch: mit Seerobben. Sie in freier Wildbahn zu sehen, macht mich besonders glücklich und ich hoffe, dass ihr Lebensraum hier an der der wilden Felsküste von Cornwall erhalten bleibt. Der Tag, die Küste, alles ist perfekt.

Zum krönenden Abschluss bestellen wir in dem kleinen Café direkt am Lizard Point Cornish Cream Tea für alle. Wir bekommen jeweils zwei noch warme Scones pro Nase, eine Schale voll mit Marmelade und eine mit herrlich fluffiger Clotted Cream. Die Kellnerin teilt uns mit, dass wir soviel Nachschlag an Marmelade und Clotted Cream bekommen können, wie wir wollen. Aber nach der zweiten Portion müssen wir aufgeben.

Zurück am Heimatstrand in Maenporth genießen wir noch die letzten Sonnenstrahlen, Burkhard und Michael suchen den am Strand versteckten Geocache, Viviana schreibt die letzten Urlaubskarten, Magdalena und ich suchen den Strand nach Schätzen ab. Magdalena will unbedingt barfuß am Strand laufen, damit sie mit den Füßen ins Wasser kann. Ich verzichte, denn wir waren gerade erst im Schwimmbad und ich bin frisch geduscht.

Erst jetzt sehen wir, dass es an „unserem“ Strand auch eine Höhle gibt, die selbstverständlich noch erkundet werden muss, bevor wir uns in unser Domizil zurückziehen – ein letztes Mal, bevor es morgen nach Hause geht.

Küste der Träume

Die Muschelsucher

[Mych] Der steinerne Weg erstreckt in einer sanften Kurve weg vom felsigen Strand, weg von der Küste vor Marazion. Kleine Wellen schwappen gegen die behauenen Steinblöcke, die den Rand des Wegs ausmachen; links und rechts davon von der See abgeschliffene Felsen im Sand, überwachsen von Algen und besetzt mit Muscheln, umspült von den paar Fingerbreit Meerwasser, die von der Ebbe noch übrig sind.

In der Entfernung, am anderen Ende des Wegs, fast einen halben Kilometer draußen im Meer, zeichnet sich die Silhouette einer Insel gegen den Himmel ab; auf einem Sockel von Felsen, mit sanft ansteigenden Flanken von Gras und Baumwipfeln, gekrönt von einem majestätischen Bauwerk mit Zinnen, Türmchen und Kaminen: St Michael’s Mount.

Wir sind um der Gezeiten willen früher als sonst aufgestanden und marschieren gemeinsam über den dreieinhalb Meter breiten gepflasterten Weg, der bei Niedrigwasser die Insel mit dem Festland verbindet. Magdalena klettert, meistens an Judiths Hand, lieber zwischen den Steinen neben dem Weg herum und findet Seetang, Steine, Muscheln und Schneckengehäuse, die sie stolz und aufgeregt allen präsentiert, die in der Nähe sind.

Auf zwei Drittel des Wegs zur Insel müssen wir einige Schritte weit auf den Randsteinen des Wegs entlang balancieren, denn die Steine dazwischen fehlen, und die nahende Flut hat den Untergrund bereits mit einer Schicht Wasser bedeckt; den Rückweg werden wir auf diese Weise nicht mehr antreten können. Später erfahren wir, dass diese Schäden jüngeren Datums sind: Erst letztes Jahr war dieser Abschnitt des Wegs bei einem Sturm von den peitschenden Wellen aufgebrochen und weggeschwemmt worden – allzu weit waren die Steinblöcke im seichten Wasser um den Weg herum nicht gekommen, aber die endgültige Reparatur steht noch aus.

Wir erreichen rechtzeitig das gezeitensichere Terrain der Insel. Bis wir die Burg an ihrer Spitze und ihre Gartenanlagen besichtigen können, müssen wir noch eine gute Stunde warten, und verbringen die Zeit damit, uns umzuschauen: Eine Mole umschließt einen kleinen Hafen, in dem ein paar kleinere Boote zurzeit noch auf feuchtem Sand liegen und auf die Flut warten. Zwei nette kleine Insel-Shops haben schon offen und laden zum Stöbern ein.

Irgendwann öffnet auch der Ticket-Shop, und wir machen uns auf den Weg nach oben in Richtung der Bergspitze; vorbei am Herz des grausamen Riesen, der der Legende nach von einem tapferen jungen Mann aus Marazion namens Jack mit einer List in eine Falle gelockt worden war, und das wir auf unserem Hinweg leider noch nicht zwischen den Steinen finden können; später, als wir wieder herunter kommen, haben wir mehr Glück und entdecken es, eingebettet zwischen den runden, unregelmäßigen Pflastersteinen des Wegs.

Der Pfad bergauf ist steil und windet sich hin und her, kommt an Mauerwerken in Richtung See vorbei, die teilweise nur den Absturz auf die Felsen weiter unten verhindern sollen, teilweise aber auch mit Kanonen ausgestattet sind, die ihrerzeit napoleonische Kriegsschiffe in die Flucht schlugen; ihr moderneres Äquivalent aus dem Zweiten Weltkrieg, die Pillbox genannten Maschinengewehrbunker, finden wir später viel weiter unten und viel näher am Ufer.

Die Burg ist verwinkelt und eng und schön und gut erhalten, und ungewöhnlicherweise machen die Konservatoren dieses Gemäuers und seines Inventars einen Punkt daraus, zu erläutern und zu zeigen, wie aufwendig es ist, all diese alten Dinge in präsentablem Zustand zu erhalten: Wir finden kleine, farbige Textilquadrate, ihr Rand von einem breiten Papprahmen abgedeckt – eines dieser Konstrukte dürfen wir anfassen und öffnen; zwei Wochen nur war es dem Umgebungslicht ausgesetzt, sagt die Aufschrift, und schon ist aus dem kräftigen Blau ein helles Graublau geworden. In fast jedem Raum entdecken wir HumBugs – digitale Luftfeuchtemesser. Ein fest verschraubtes Marmeladenglas voller Staub demonstriert, wieviel Schmutz hier jeden einzelnen Tag weg gesaugt wird, bevor die ersten Besucher eintreffen, und bevor sich der Staub zusammen mit der vom Meer aufsteigenden Luftfeuchtigkeit zu einer zementartigen Substanz verbindet und alles, auf dem er sich niederlegt, korrodieren lässt.

Fast am höchsten Punkt der Burg befindet sich die Kapelle, und darin entdecken wir an einer Wand eine kleine Skulptur meines Namensgebers – und dessen der Insel, auf der wir stehen –, des Erzengels Michael, in seinem Triumph über Satan; ein Motiv, das uns nicht ganz unbekannt vorkommt.

Wir verlassen die Burg und gehen im schönsten Sonnenschein wieder den Abhang herunter (und finden jetzt endlich das Herz des Riesen zwischen den Steinen; aber es pocht leider nicht, wie es die Legende will, zumindest nicht unter unseren Fingern).

Unten, bei dem kleinen Hafen, in dem die Boote leise in der Flut schaukeln, finden wir den Eingang zu den Gärten, die sich zunächst als wohlgeschorener Rasen am leicht ansteigenden Abhang darstellen. Wir wandern auf dem Gras entlang dorthin, wo der Abhang und der felsige Sockel der Insel aufeinander zu stoßen scheinen, und treffen auf einen engen Pfad zwischen den Pflanzen, der uns in Windungen, durch kleine schmiedeeiserne Tore und steile Treppenstufen aus Felsbrocken hoch und herunter durch eine wunderschöne Gartenanlage führt, die sich an die Flanken der Insel anschmiegt. Bei einer Bank, mit dem Felsen und der Burg im Rücken, zu unseren Füßen der Atlantik, um uns herum Sträucher und kleine Bäume, deren Blätterdach uns Schatten spendet, machen wir eine Rast und verzehren ein paar Weintrauben, Apfelschnitze und Kekse, bevor wir uns auf den Rückweg machen.

Der Weg weg von der Insel zurück ans Festland über den steinernen Weg ist uns jetzt von der Flut versperrt; aber man kann sich in einem offenen Motorboot übersetzen lassen. Zuvor sammeln wir noch die beiden Hinweise für einen Geocache ein und spendieren uns allen Cornish Ice Cream – ich: eine Kugel Schokolade und eine Kugel „Honigwabe“; ein phänomenaler Genuss, aber nicht ganz unkompliziert zu verzehren, denn die Eiswaffel wäre schon mit einer einzigen Kugel dieser Größe völlig überladen gewesen, und ich habe trotz des kräftigen kühlen Winds größte Mühe, die cremige Masse auf allen Seiten gleichzeitig am Tropfen zu hindern.

Wir vertilgen unser Eis und wandern zum Hafen und zum Ende der Mole, steigen in das wartende Motorboot und lassen uns übersetzen. Die Fahrt dauert nur ein paar Minuten, während derer der Bootsführer, der am Heck des Boots steht und das Ruder bedient, unser Fährgeld kassiert. Nach dem Anlegen wandern wir noch ein Stückchen durch den Ort Marazion und dann zum Strand hinunter, um unseren Geocache zu finden. Den Rückweg zum Parkplatz würden wir am liebsten über den Strand gehen, aber die Wellen der Flut schwappen an einigen Stellen bis dicht an die Geröllhaufen am Kliff, das den Strand in Richtung Inland begrenzt.

Bevor wir zurück nach Hause fahren, machen wir noch einen Abstecher nach St Ives – einmal quer durchs Land von der Südküste an die Nordküste von Cornwall, die hier gerade mal zehn Kilometer voneinander entfernt sind. Wir setzen uns dort an den Strand in die Sonne und flüchten kurz danach für zehn Minuten unter einen Baum, um einem Regenschauer zu entkommen; in der Sonne, die danach wieder hervorkommt, wandern wir weiter durch den Ort, am Meer entlang über kopfsteingepflasterte Wege, finden einen Virtual um seines Seltenheitswerts willen, drücken uns an Schaufenstern die Nase platt, kaufen Fudge in einem winzigen Laden von einer liebenswürdigen älteren Dame, die jeden ihrer Kunden mit „dear“ anspricht (sie sagt, der Fudge hält bei Zimmertemperatur sechs Monate, aber das glaube ich nicht – er ist sicher morgen schon weg); beobachten ein paar wackere Schwimmer im 13 Grad kalten Wasser in Neoprenanzügen und einen noch wackereren ohne; ein paar Hunde, die wonnig ins Wasser springen, und ein paar Möven, die immer näher an uns heran hüpfen und trotzdem nichts von unserem Fudge abbekommen.

Irgendwann müssen wir zurück zum Auto und fahren nach Hause; müde, glücklich, mit glühenden Wangen von der Sonne, die wir heute abbekommen haben, und mit Muscheln und Erinnerungen und dem besten Fudge in der Tasche, das wir je hatten. So ein schöner Tag.

Die Muschelsucher

Ruf der Vergangenheit

[Fifi] Sechs Uhr im Paradies, die Sonne bahnt sich ihren Weg. Langsam färbt das erste Licht den Himmel in rot, rosa, orange, gelb …

Die Luft ist frisch, riecht nach Salz und Meer. Das noch feuchte Gras unter meinen Füßen fühlt sich kalt und doch erfrischend an. Mein Blick schweift über die Bucht, in seichter Bewegung gleiten die Wellen an den Strand. Ich bin nicht die Einzige, die den atemberaubenden Sonnenaufgang genießt, ein einsamer, mutiger Schwimmer läuft langsam ins Meer, mit jedem Schritt scheint er dem Morgen und der Sonne ein wenig entgegen zugehen. Ich sauge jede einzelne Sekunde dieses einmaligen Spektakels in mich auf, ständig verändert sich das Licht, zaubert tausende Farben an den Himmel und taucht alles andere auf der Welt in ein wunderschönes Licht. Die Blumen, Bäume, Gräser alles erscheint mir noch schöner als sonst – So ist es im Paradies…

… doch heute ruft die lange Vergangenheit Cornwalls nach uns. Wer sich mit der Geschichte Cornwalls beschäftigt, kommt am Bergbau nicht vorbei. Unser Weg aus dem Paradies führt uns heute in die Geevor Tin Mine

Nach einer guten Stunde Fahrt auf wirklich für englische Verhältnise breiten komfortablen Straßen, mal abgesehen von den vielen Roundabouts und Double-Roundabouts und den eher unprofessionellen Fahrfähigkeiten der anderen Verkehrsteilnehmer, kommen wir an.

Die nette Lady am Empfang löst unsere Tickets und händigt uns einen Lageplan aus. Zusätzlich sollen wir uns aus den bereitstehenden Kisten formschöne Schutzhelme aussuchen. Damit ist also heute mal ausgeschlossen, dass die Frisur bis zum Ende hält, aber der Wind hätte eh ganze Arbeit geleistet. Der Halblingskopf ist eher sehr klein. Wir probieren alle Größen von Kinderhelmen aus, keiner will so richtig passen. Ein zusätzlicher Kinngurt verhindert dann letztendlich das Abrutschen des Schutzhelmes.

Wir beginnen unsere Tour auf dem Gelände, arbeiten uns von Haus zu Haus.

Compressor House – große Maschinen reihen sich auf, alles was benötigt wird, um den Fels zu bezwingen, um später die Löcher zum Anbringen der Sprengladung zu erhalten. Winder House – wir sehen Winden die zur Beförderung der Kumpels in die Tiefe und wieder zurück verwendet wurden. Weiter geht’s an mehreren Werkstätten, einer Schmiede, Erste-Hilfe-Raum, Aufenthaltsraum, dem Labor, wo die Mineralien auf ihre Zusammensetzung getestet wurden.

Hard-Rock-Museum – Hier kommen nun alle auf Ihre Kosten: Der Halbling folgt den beiden Katzen Basil und Skraggs (die übrigens da wirklich gelebt haben) durch die Ausstellung und macht sich an allen interaktiven Exponaten zu schaffen. Aber auch wir Großen freuen uns über die anschaulichen Experimente, in denen uns gezeigt wird, wie der Abbau von Zinn funktioniert. Im Kino werden uns Zeitzeugenberichte gezeigt, die uns veranschaulichen, wie hart die Arbeit unter Tage ist, und wir sind tief bewegt von den Berichten, als die Kumpel von der Schließung der Mine erfahren.

Ich mache mir meine Gedanken … Ganz Cornwall lebt seit Generationen vom Bergbau – wie muss es sein, plötzlich seiner Existenz beraubt zu sein, seine Familie plötzlich nicht mehr ernähren zu können … Bei mir macht sich ein beklemmendes Gefühl breit. Den Anderen gehts ähnlich. Das Gefühl wird nun noch verstärkt, als wir im Dry House sehen wo die Kumpel ihre Sachen verstaut haben, sich nach der schweren Arbeit geduscht haben, sich vom Dreck der Mine befreit haben; alles ist getränkt von rotem durchdringendem Dreck, wir sehen jedoch auch wie ihr Zusammenhalt bis heute noch anhält.

Die Zeit verrinnt und unsere Mägen verlangen nach Nahrung, im Count House Cafe, speisen wir nach Bergmanns-Art. Jeder von uns verspeist eine Pasty (in Teig gebackene Kartoffeln mit Kohl, Rüben und Fleisch oder Käse – die Kumpels haben die Pasties mit unter Tage genommen und dort kalt verspeist), die Männer mit Fleisch die Frauen mit Käse, der Halbling ein Törtchen und ein halbes Käse-Sandwich.

So gestärkt, geht es weiter. The Mill – wir folgen dem gelben Weg, der Halbling mimt den Fremdenführer und erklärt an jeder Biegung gekonnt und ausführlich den weiteren Weg. Vorbei geht es an Laufbändern mit Steinen, an einer Trommel in der das Gestein zerkleinert wird, an riesigen Rütteltischen, über die Wasser fließt, um den Sand und die Bodenschätze voneinander zu trennen.

Wie laut muss es hier früher gewesen sein? – Einer der Rütteltische ist in Betrieb, das Gerüttel erfüllt die ganze Halle mit dem immer gleichen lauten schrr, schrr, schrr … 25 Jahre sind vergangen, seit hier gearbeitet wurde, ein Lost Place, wie er im Buche steht, der gelbe Weg schlängelt sich Berg ab immer weiter nach unten. Der Halbling fragt, ob wir nun endlich unter der Erde sind, kann es kaum erwarten, aber nein – die Sonnenstrahlen fallen durch die kleinen Ritzen in den Wänden. Am Ende des gelben Weges werden wir erwartet; man bietet uns Kittel an, um unsere Kleidung zu schützen; die Wartezeit dürfen wir mit „Goldwaschen“ überbrücken. Der Halbling ist außer sich vor Freude, wähnt sich schon in Reichtum, fast Zwergen gleich.

Ein älterer Herr begrüßt uns, möchte mit uns in die Wheal Mexico Mine – er heißt Mike. Wir wandern bergab, bleiben vor einen Minen-Eingang stehen. Mike berichtet über den Aufbau der Mine, die senkrechten Gänge und die davon abgehenden Gänge, die immer von West nach Ost und von Nord nach Süd gehen. Einige Gänge gehen bis unters Meer, andere bis oben zur Hauptstraße, das Grundwasser muss ständig abgepumpt werden.

Wir wagen die ersten Schritte in die Mine, Mike bittet uns auf unsere Köpfe acht zu geben. Wie die Sieben Zwerge + Mike setzen wir uns in Bewegung. Es dauert nicht lange, da hört der Halbling und ich das erste Mal, wie ein Helm an den Fels pocht. Mike attestiert dem Halbling die perfekte Größe. Immer tiefer geht’s in den Fels, es wird enger. Die Decke wird niedriger, wir Großen laufen geduckt. Mike bleibt einige Male stehen, um uns Details zur Mine zu zeigen oder von der Arbeit der Bergleute zu berichten. Judith tropft eiskaltes Grundwasser in den Kragen …

Es ist bedrückend, ich fühle mich eingeengt, wie konnten die Kumpel das nur einen ganzen Arbeitstag aushalten? Es ist schummerig, ich sehe nur Umrisse, Mike leuchtet mit einer kleinen Lampe hin und her, um uns Details zu zeigen. Er sagt, die Kumpel haben manchmal Ihre Kerzen ausgeblasen, um Sauerstoff zu sparen, um dann im Dunkeln weiterzuarbeiten … was?! – ich fühle mich schon mit dem wenigen Licht unwohl.

Es wird noch enger, der Schacht ist nun schräg in den Fels gehauen, es wird noch nasser, auch der Halbling eckt an … Ich sehe Tageslicht … Wir treten wieder aus der Mine heraus, frische Meeresluft dringt in meine Nase, ich richte mich auf, fühle mich befreit … Was bleibt, ist dieses bedrückende Gefühl, das Mitgefühl für die Menschen die hier unter schwersten Bedingungen gearbeitet haben und dann am Ende nur einen f… Händedruck bekommen haben …

Am Ausgang legen wir unsere liebgewordenen Schutzhelme ab. Es fühlt sich an wie das umschlagen einer Buchseite im Fotoalbum. Wir zwängen uns in unseren kleinen Fabia und fahren zurück ins Paradies …

Ruf der Vergangenheit

Brombeeren der Begierde

[Maus] Der graue Himmel, mit tiefhängenden schweren Wolken, die sich mühsam über den Strand in Richtung Meer wälzen, begrüßen uns am Morgen. Den Tag wollen wir heute entspannt angehen und nachholen, was wir gestern nicht mehr in unseren ereignisreichen Tag unterbringen konnten.

Es ist stürmisch, und Pendennis Castle versteckt sich hinter den saftig grünen Hügeln und schroffen grauen Klippen. Erst als wir fast angekommen sind, können wir einen ersten Blick erhaschen. Königlich thront die Festung auf den Felsen und man blickt über das Meer, hat das Meer und die Buchten im Blick. Die Festung, umgeben von Brombeerhecken, der Innenhof weitläufig und grün, lädt zum Flanieren ein. Der leise feintropfige Landregen, der von Zeit zu Zeit auf uns herabregnet, malt einen Regenbogen nach dem anderen in den immer noch wolkenverhangenden Himmel.

Mein Haar weht mir ins Gesicht, als ich das Gelände erkunde. Viele kleine Räume, versteckte Gänge und zahlreiche andere entdeckenswerte Dinge wecken in uns die Abenteuerlust. Wir genießen immer wieder die traumhafte Aussicht und die Brombeeren, die hier überall wachsen. Die Vorführung einer Kanone um 12 Uhr bringt uns in die richtige Stimmung, um den Rest des Geländes, das von Kriegszeiten berichtet und das Grauen dieser Zeiten Nahe bringt, entdecken zu wollen.

Doch gerade die Gebäude aus der Zeit von Henry VIII haben auch eine anrührende Seite. Kleine Wendeltreppen führen in die einzelnen Etagen und einige Räume laden regelrecht dazu ein, ausgelassen zu tanzen und zu singen. Ob das wohl damals auch so war? Kleine rosa papierene Herzchen liegen vor dem mittelalterlichen Fort. Dieser Ort verlangt nach einem romantischen Fest.

Wie aus heiterem Himmel ändert sich das Wetter, der Wind beruhigt sich zu einer sanften Brise, die dicken Regenwolken, die im Zehnminutentakt über uns hinwegfegten, sind plötzlich verschwunden und die Sonne scheint uns in unsere bereits sonnengebräunten Gesichter. Wir beschließen, unserer Abenteuerlust nachzugeben und gehen auf Entdeckertour (neudeutsch: Geocaching).

Der Halbling ist erschöpft und lässt sich den steilen Hang hinauf tragen, halb erwarte ich, dass Viviana zusammen mit dem Halbling den Abhang hinabrutscht. Doch wir erreichen unser Ziel unfallfrei und können den Geocache-Container mit Hilfe einer kleinen Winde vom Baum herhunterholen. Doch damit nicht genug, wir steigen den Abhang wieder hinunter, um diesmal direkt am Meer über die schroffen und rutschigen Felsen zu klettern. Der Halbling ist plötzlich nicht mehr müde und steigt mutig voran, bis sie schließlich abrutscht und mit dem Knie im Schlamm landet. Doch statt des üblichen Dramas fängt sie sich schnell, denn auch sie ist im Abenteuerfieber und Dose Nummer zwei soeben geborgen worden.

Wir wandern zurück, um uns den kleinen Dennis noch anzuschauen. Modderlena und ich klettern noch ein letztes Mal über die am Meeresrand liegenden schroffen Strukturen. Wir kehren als erfolgreiche Entdecker und Abenteuerer in unsere heimelige Unterkunft zurück.

Brombeeren der Begierde

Der Erde so nah

[Mych] Die stürmische Brandung schlägt in der Entfernung gegen die Klippen; die Gischt der windzerzausten Wellen hüllt die Felsen in einen feinen Nebel wie einen Schleier.

Die Tasse in meinen Händen wärmt meine Finger, verströmt den willkommenen Duft frisch gebrauten Kaffees, der uns für die Anstrengungen des Tages stärken soll – die Abenteuer, denen wir uns heute aussetzen werden. Mein Blick schweift von der nahen Bucht in die Ferne, zu dem Leuchtturm, der unbeirrt sein Lichtzeichen gibt, an–aus, an–aus, treu und standhaft den Seefahrern ein Freund, und zu dem fast verloren wirkenden Segelboot, das sich aus der schützenden Nähe des Ufers hervorwagt in die kalten und unerbittlichen Weiten der See.

Der Rat hat gesprochen; die Entscheidung ist getroffen. Wir werden heute zu einer Exkursion gen Nordosten aufbrechen, nach Saint Austell, wo das Eden Project seinen Sitz hat. Wir packen unsere Vorräte, unsere nötigsten Ausrüstungsgegenstände, unsere Jacken und Taschen. Der Wagen fährt uns über gewundene Straßen, kreiselt durch Roundabouts, bringt uns über Hügel und Täler; wir waren gewarnt worden, nicht den kürzeren, gefährlich sich windenden Zuweg zu nehmen, den TomTom uns sicherlich führen würde, sondern die gut ausgebaute Straße den Schildern nach, und werden mit sechs Minuten der Verzögerung bestraft.

Endlich sind wir da. Der Wagen steht auf „Plum 3“. Wir prägen uns die Frucht und die Zahl ein – die Frucht: eine Pflaume, keine Limone, keine Banane; die Zahl: eine Drei, keine Vier, keine Zwei – die Fünf scheidet völlig aus. Unerträglich ist die Vorstellung, am Ende des Tages unseren Wagen womöglich nicht wiederfinden zu können, alleine dazustehen ohne unser treues Gefährt, unseren Skoda, der uns schon so weit auf unseren Reisen begleitet hat. Es sind einige Schritte bis zum Eingang von Eden; auf dem Weg treffen wir eine kleine Gruppe von Mitreisenden von einer anderen Frucht (oder Zahl), wie wir auf der Suche nach dem Zentrum, die sich dankbar von uns führen lassen, wiewohl auch wir nur raten können, welcher Weg der rechte ist.

Wir verlassen das Besucherzentrum in den Sonnenschein und erblicken die majestätischen Dome von Eden, die filigran wirkenden geodätischen Kuppen aus Thermoplastik und Stahl, die sich in die Tiefe der ehemaligen Kaolingrube schmiegen.

Ein sanft ansteigender Weg führt inmitten der Pflanzen entlang des Umkreises des Talkessels, bringt uns zu Konstrukten mit Informationen über den Kaolinabbau; zu einer kleinen Kuppel aus aufgeschichteten Steinen, in deren einzigem Lichtschacht eine Spinne ihr Netz gebaut hat; zu einer Hand, deren steinerne Finger aus dem hohen Gras kryptisch auf ein unerblickbares Ding deuten; zu einer überlebensgroßen Frau, die sich im Schatten der Bäume räkelt, ihre von Spiegelscherben gezierte rechte Gesichtshälfte kess gen Himmel gerichtet, die durch das Laubwerk scheinenden Bündel von Sonnenstrahlen reflektierend.

Wir begeben uns zur Talsohle und betreten das Gebäude, das die Lücke zwischen den gewaltigen Domen ausfüllt. Essen gibt es hier, und ja, es wäre uns willkommen, denn inzwischen ist die Mittagszeit gekommen und wieder gegangen; aber die Verlockungen halten uns nicht hier, sondern ziehen uns zur rechten Hand in die mediterrane Kuppel, die ein weiteres Restaurant verspricht – Paella, Pasta, Pizza soll es dort geben, die Schätze der Küche der Mittelmeerküste. Unsere Speisen sind wohlschmeckend und elegant angerichtet; eine Wohltat; ein Genuss. Kleine Vögel fliegen uns über die Köpfe, picken Krümel vom Boden, sitzen zwitschernd auf den Lehnen der leerer Stühle am Nachbartisch oder schauen uns keck an.

Wir beenden unser Essen und machen einen Rundgang durch das Gelände im Inneren der Kuppel – eine andere Welt; nur die Sonne am Himmel ist die gleiche. Wir sehen Pflanzen, die es sonst nirgends in Großbritannien geben kann; Weinreben, die man in Südfrankreich, Spanien, Italien erwarten würde; die Maquis, die den französischen Widerständlern im Zweiten Weltkrieg ihren Namen gab – jene, die sich in den unwegsamen, unwirtlichen Buschwäldern ihres Heimatlands verborgen hatten.

Der Weg zur anderen Kuppel führt erneut durch das verbindende Gebäude, zu einer elektrischen Schiebetür, die sich öffnet, als wir uns ihr nähern. Ein kräftiger Windstoß, fast eine Sturmböe, weht uns von achtern an, drängt uns gleichwohl in das tropische Biom. Unten ist es noch fast kühl, doch der Weg windet sich nach oben, an einem Teich vorbei; an den übergroß erscheinenden Pflanzen, die es nur in den wilden, wuchernden, lebensprallen Wäldern der Tropen gibt; immer höher geht es, immer drückender und feuchter wird die Atmosphäre, treibt uns den Schweiß auf die Stirn, lässt unsere Schritte immer träger werden.

Wir sind fast oben, können auf einer holzbeplankten Brücke durch die Wipfel der Bäume gehen – müssen bedauernd lesen, dass uns der Zugang zur Observationsplattform am höchsten Punkt der Kuppel verwehrt bleibt; vierzig Grad habe es dort, fast vierzig Prozent Luftfeuchte; zu groß das Risiko, dorthin zu gehen. Der Weg spaltet sich, bietet einen leichten Weg nach unten oder eine steile Treppe. Wir wählen den Weg zur Treppe und kommen an einem tosenden Wasserfall vorbei, von dem der wilde Bach gespeist wird, der sich durch den ganzen Lebensraum zieht, gekapselt in einer Hülle von Stahl und Kunststoff.

Die Stufen bringen uns wieder hinab; hinunter in mildere atmosphärische Schichten, vorbei an Installationen, die über die Schätze des Regenwalds informieren, an Bananenstauden und zum Trocknen gehängten Rohkautschukbahnen, zurück zu der elektrischen Schiebetür, bei der uns der vertraute und willkommene Wind entgegen weht und uns die Kühle verschafft, derer wir so lange entsagen mussten.

Der Erde so nah