Skyewalkers: Blackpool

[Mych] Der Kofferraum ist knackvoll mit Geocaching-, Kletter- und Wanderausrüstung. Heute Morgen haben wir noch die letzten Tickets gebucht. Kurz nach fünf setzen wir uns ins Auto und fahren los – auf unserem Road Trip zur Isle of Skye.

Ab heute und bis Sonntag in einer Woche werden wir auf vier Etappen hoch in die Highlands fahren, dort ein paar Tage bleiben und dann auf vier anderen Etappen wieder zurück. Der Plan:

Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte Blackpool als malerische Küstenstadt vor Augen gehabt. Tatsächlich hat die Kommerzzeile an der Straße just jenseits der Strandpromenade mehr was von Malle-Tourismus, auch wenn die Strandpromenade selbst sich wirklich Mühe zu geben scheint, eigentlich ganz nett sein zu wollen.

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Drei Molen stechen von der Promenade aus ins Meer hinein. Wir gehen von unserem winzigen Hotel aus in Richtung Strand und stoßen erstmal auf die in der Mitte, den einigermaßen unoriginell benannten Central Pier. Schon von Ferne sieht man ein bunt beleuchtetes Riesenrad dort drauf; ungefähr ein Fünftel der Lichterkette, die sich den Rand entlang zieht, ist ausgefallen, und vermittelt dem Rad den Anschein eines sich gemächlich um seine Mitte drehenden „C“s.

Auf der Mole sind neben dem mittelgroßen Riesenrad nur noch ein paar Fahrgeschäfte offen – fast alle der Verkaufsstände für Essen und Trinken haben schon zu; es ist gerade mal kurz vor 21 Uhr. Den Touristen, die sich massenweise durch die Lücken zwischen den Buden drängen, macht das offenbar nichts. Ganz hinten, weit draußen auf dem Meer, finden wir ein größeres Lokal, das noch offen hat: ein Pizza-Restaurant. Wir hätten uns da hingesetzt und eine Pizza zu Abend gegessen, aber der Geruch von verschüttetem Bier mit einem Hauch von Harn vertreibt uns wieder.

Wir fragen das Internet und finden ein kleines Restaurant mit dem Namen Toast, das ein paar Schritte vom Strand entfernt ist. Wenn wir schon an der Küste sind, wollen wir auch was aus dem Meer essen: Penne mit Garnelen, Judith noch mit Lachs, ich mit Miesmuscheln – wirklich lecker. Judith entdeckt amüsiert gegenüber von unserem Tisch an der Wand ein Zertifikat, in dem Round Table – der britische Herrenclub, bei dem ich auch mitmache – dem Lokal die „höchste Empfehlung“ ausspricht; gezeichnet vom RTBI-Nationalpräsidenten 2011. Na sowas.

Skyewalkers: Blackpool

Always Look on the Bright Side of Life

[Mych] Endlich mal ein freies Wochenende. Nicht, dass wir unsere Gäste nicht mögen. Sonst hätten wir sie ja nicht eingeladen.

Und Sten und Maiky, die fürs Erste als letzte da waren, hatten ein kleines Urlaubsprojekt im Sinn, an dem wir gebastelt haben, während wir auf Bäumen geklettert sind, das Schwarze Land erforscht, uns Römer beim Baden vorgestellt und bei Shakespeare vorbei geschaut haben …

Always Look on the Bright Side of Life

Steuermann ahoy

[Mych] Die Briten tun’s anders.

Das Steuerjahr beginnt am 6. April. Nicht am 1. April. Nicht am 1. Januar wie im Rest der zivilisierten Welt, sondern mitten im Monat mitten im Jahr. Warum? Weil für die Römer das Jahr am 1. März nach Julianischem Kalender begann. Und warum sollte man eine funktionierende Tradition ändern – nur weil irgendwer kürzlich im 16. Jahrhundert ein anderes Kalendersystem eingeführt hat? Neumodischer Schnickschnack.

Steuern machen ist ja eh schon ein großer Spaß – das weiß jeder –, also sind zwei Steuererklärungen (eine deutsche und eine englische) fürs gleiche Jahr natürlich doppelt so toll. Aber es ist ja nur zu zwei Dritteln das gleiche Jahr. Uff, ich dachte schon, mir wird langweilig dabei.

Ich kann nicht glauben, dass ich der einzige Deutsche bin, der in England wohnt und dort (ohne Entsendung) für eine deutsche Firma arbeitet. Aber falls jemals jemand irgendwas über seine Erfahrungen damit im Internet geschrieben hat – ich hab’s nicht gefunden. Darum, für die Nachwelt: Mein Postmortem der beiden Steuererklärungen, die ich in den letzten Tagen erstellt und eingereicht habe. (Vorbehalt: Ich bin kein Steuerberater, und ich habe noch kein Feedback von den beiden Steuerbehörden. Sobald ich was erfahre, werde ich diesen Artikel aktualisieren.)

Update: Fast ein dreiviertel Jahr später habe ich endlich alles Feedback erhalten, was ich wahrscheinlich je dazu bekommen werde.

Steuern bezahlt man in England bei HMRC – „Her Majesty’s Revenue & Customs“, also das Finanz- und Zollwesen ihrer Majestät. Wer eine Steuererklärung machen will (haha!):

  1. erstellt online ein Benutzerkonto bei HMRC,
  2. bekommt nach ein paar Wochen einen Brief mit der „unique taxpayer reference“ (UTR, sowas wie die deutsche Steuer-Identifikationsnummer) zugeschickt,
  3. kann unter Angabe der UTR online Zugang zur Online-Steuererklärung beantragen und
  4. bekommt nach ein paar Tagen eine Freischaltung dafür (und einen weiteren Brief zur Bestätigung).

Man kann seine englische Steuererklärung in den meisten Fällen offenbar komplett online im Webbrowser machen. Für kompliziertere Fälle (wie meinen) braucht man eine separate Software. Es gibt einen Haufen verschiedener Software-Alternativen – ich habe mir TaxCalc zugelegt, weil das in verschiedenen Foren empfohlen wurde. Es ist weniger ausgefeilt als das deutsche ElsterFormular, aber es erfüllt seinen Zweck.

Was ich bin:

  • Deutscher. (Das spielt so gut wie keine Rolle, wie sich herausstellt.)
  • Seit Mai letzten Jahres in England ansässig („resident“) – zuvor in Deutschland. Das ist in beiden Ländern mitten im Steuerjahr.
  • Nicht-selbständig angestellt bei einer Firma mit Sitz in Deutschland.
  • Ungeachtet dessen: in England tätig. (Das hat mir einiges Kopfzerbrechen bereitet. Meine Arbeit besteht darin, über ein langes Kabel Bits auf den Servern meines Arbeitgebers in Deutschland umzukippen. Aber die Arbeit, für die ich bezahlt werde, besteht ja darin, zu entscheiden, welche Bits, und in welche Richtung, und die findet vor meinem Computer in England statt – also arbeite ich in England.)

Was ich fürs letzte Steuerjahr bei der Steuer angeben muss:

Welches Land meine Steuern bekommt

Wann ich in Deutschland gelebt habe (und dort Steuern zu zahlen hatte) und wann in England (dito). Steuerpflichtig ist man in der Regel immer dort, wo man ansässig ist.

Deutsche Steuererklärung

Für Deutschland habe ich die Eckdaten meiner Ansässigkeit in Deutschland im aktuellen Steuerjahr im Hauptvordruck unter „Angaben bei zeitweiser unbeschränkter Steuerpflicht“ angegeben (Hauptvordruck, Zeile 96).

Dazu gehört dann auch noch eine Angabe meines Brutto-Gehalts für den Rest des Steuerjahrs, in dem ich nicht in Deutschland steuerpflichtig war (Zeile 98, siehe unten). Warum? Weil mein Steuersatz für das, was ich versteuern muss, anhand meiner ‚Leistungsfähigkeit‚ bewertet wird (der so genannte Progressionsvorbehalt), und die bemisst sich an meinem Einkommen übers ganze Jahr. Yay.

Sowohl der Herr aus dem Lohnbüro meines Arbeitgebers als auch die Dame bei der Hotline des deutschen Finanzamts meinten, ich sollte statt dessen Anlage N-AUS ausfüllen und dabei „Deutschland“ als das fragliche „Ausland“ deklarieren (und mein „Wohnsitz im Inland“ sollte meine Adresse in England sein). Das klang ja erstmal nicht komplett unplausibel (zumal mir zwei separate, kompetente Leute das gesagt hatten!), aber im Detail fiel’s dann leider auseinander: Erstens ticken deutsche Behörden meiner bisherigen Erfahrung nach grundsätzlich so, dass „Ausland“ ausnahmslos Nicht-Deutschland bedeutet (und „Inland“ entsprechend immer Deutschland), und zweitens erfordern die Angaben in Anlage N-AUS, dass man die Tätigkeit „im Ausland ausgeübt“ hat – und wenn das angegebene Ausland Deutschland sein soll, macht das keinen Sinn; siehe oben.

Englische Steuererklärung

Für England habe ich in Bogen „Residence“ (SA109) „split year treatment“ (Trennung des Steuerjahrs in zwei Teile) beantragt (Box 3). In Box 6 kann man dann das Stichdatum für die Trennung der beiden Teile angeben.

Die englische Steuer definiert verschiedene Szenarien, die für so eine Handhabung zutreffen können – bei mir diese beiden:

  • dass ich Vollzeitbeschäftigung in England begonnen („starting full-time work in the UK“) und
  • dass ich meinen einzigen Wohnsitz nach England verlegt hatte („starting to have a home in the UK only“).

Nach englischer Auffassung ist man, was die Steuer betrifft, immer das komplette Steuerjahr lang ansässig („resident“) oder eben nicht. Gegebenenfalls kann man auch noch in einem weiteren Land (bei mir: Deutschland) ansässig gewesen sein, und dann kommt es auf das jeweilige Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) an, welches Land mehr Recht auf die Steuern hat und welches sie erlässt.

Der Bogen „Residence“ fragt danach, ob ich im fraglichen Steuerjahr auch im Ausland einen Wohnsitz hatte – und zwar, laut der Hinweise zu diesem Formular, egal wann und egal wie lang. Hatte ich natürlich (den ersten Monat des englischen Steuerjahrs, vor meinem Umzug nach England), also habe ich Box 9 angekreuzt. In Box 10 musste ich dann angeben, wieviele Tage ich in diesem Steuerjahr in England anwesend war.

Neben dem Bogen „Residence“ habe ich dann noch das Formular im Hilfsblatt „Dual residents“ (HS302) ausgefüllt, in dem ich – aus englischer Sicht – angeben muss,

  • wann ich genau im Ausland (Deutschland) gelebt hatte,
  • wie ich meine Behauptung begründe, dort ‚ansässig‘ gewesen zu sein (hatte ich da Freunde? Familie? einen Job? meinen Lebensmittelpunkt?), und
  • welche Einnahmen ich dort hatte, die in England nach DBA nicht versteuert werden sollen. Da sollte ich dann auch angeben, gemäß welchen Artikels des DBA ich glaube, dass mein Gehalt im April nicht in England zu versteuern ist. Ich habe mich durch das DBA zwischen Deutschland und UK gewurschtelt und geschlussfolgert, dass das wohl Artikel 14.1 („Income from employment“) sein muss.

Gehalt

Mein Einkommen aus unselbständiger Arbeit. Um es ein bisschen komplizierter zu machen, geht von meinem Brutto-Gehalt ein Beitrag zu einer betrieblichen Altersvorsorge ab, auf den ich keine Einkommensteuer zu zahlen habe.

Deutsche Steuererklärung

Für Deutschland habe ich zwei Lohnsteuerbescheinigungen bekommen: eine für den Zeitraum bis zu meinem Umzug nach England, und eine Pro-forma-Bescheinigung für den Zeitraum danach, auf der außer dem Zeitraum und ein paar Metadaten nichts steht. (Das deutsche Finanzamt hatte meinem Arbeitgeber im Vorfeld schon eine Bescheinigung ausgestellt, dass mein Gehalt ab dem Zeitpunkt meines Umzugs nach England „nicht dem Steuerabzug“ unterliegt.)

Die Lohnsteuerbescheinigung für den Zeitraum bis zu meinem Umzug habe ich wie üblich einfach genau so ins Steuerformular übertragen, wie sie mir vorlag.

Für die übrige Zeit habe ich mir meine monatlichen Gehaltsabrechnungszettel genommen und mein Brutto-Gehalt minus betriebliche Altersvorsorge – also mein „Steuer-Brutto“ – zusammen gerechnet. Das Ergebnis habe ich unter „Ausländische Einkünfte, die […] nicht der deutschen Einkommensteuer unterlegen haben“ (Hauptvordruck, Zeile 98) eingetragen. (Die Excel-Tabelle und Kopien der fraglichen Gehaltszettel habe ich als Belege mit eingereicht.)

Englische Steuererklärung

Für England hätte ich Formulare „P45“ oder „P60“ gebraucht – das englische Äquivalent der deutschen Lohnsteuerbescheinigung. Habe ich natürlich nicht; also habe ich auch da mein „Steuer-Brutto“ anhand meiner Gehaltszettel (von Mai bis März, denn im April war ich ja noch in Deutschland steuerpflichtig) zusammen gerechnet und in Bogen „Employment“ (SA102) eingetragen.

Mein Gehalt ist zwar streng genommen auch eine Einnahme aus einer ausländischen Quelle, aber die Hinweise zu Bogen „Foreign“ (SA106) stellen klar, dass man es nichtsdestotrotz im Bogen „Employment“ eintragen soll.

Ich habe einige Zeit gegrübelt, ob ich meine betriebliche Altersvorsorge („workplace pension“) von meinem englischen „Steuer-Brutto“ abziehen darf oder nicht. Letztendlich habe ich bei HMRC Informationen zu nicht-staatlichen Altersvorsorgebeiträgen gefunden, die sich ausdrücklich auch auf „workplace pensions“ beziehen und Steuerfreibeträge („allowances“) nennen, die ich deutlich unterschreite, also habe ich die Beiträge vom Brutto abgezogen und versucht, das einigermaßen nachvollziehbar in der Excel-Tabelle darzustellen, die ich als Beleg mitliefere.

Mein Gehalt ist natürlich in Euro, aber die englische Steuer will es in Pfund Sterling angegeben haben. Zur Umrechnung stellt HMRC monatliche Tabellen mit Wechselkursen zur Verfügung – die Eurokurse dort habe ich verwendet, um mein Gehalt monatsweise umzurechnen.

Zinsen und Dividenden

Ein paar Euros an Zinsen und Dividenden, die ich übers Jahr hinweg bekommen hatte.

Deutsche Steuererklärung

Deutschland nennt das Kapitalertragsteuer und umfasst unter dem gleichen Begriff auch Kursgewinne beim Verkauf von Wertpapieren, nicht nur Zinsen und Dividenden. Die Kapitalertragsteuer wird im Allgemeinen schon von der Bank vor Auszahlung abgeführt (also als Quellensteuer – genauer: als Abgeltungssteuer).

Im Allgemeinen muss man Zinsen und Dividenden daher nicht bei der Steuer angeben – nicht immer zum eigenen Vorteil, denn es gibt einen Freibetrag in Höhe von 801€ pro alleinstehender Person (oder dem Doppelten für Eheleute, die gemeinsam ihre Steuer erklären): den Sparer-Pauschbetrag. Für Kapitalerträge (Zinsen, Dividenden usw.) bis zu dieser Höhe muss man keine Kapitalertragsteuer zahlen. „Aber die wird doch schon von der Bank als Quellen-/Abgeltungssteuer abgeführt!“ – stimmt, und dem kann man entweder im Voraus durch einen Freistellungsauftrag an die Bank entgegen wirken, oder man gibt im Nachhinein alle Kapitalerträge bei der Einkommensteuererklärung an und bekommt die zuviel gezahlte Kapitalertragsteuer auf die fällige Steuer verrechnet.

Da ich meinen Sparer-Pauschbetrag letztes Jahr nicht ausgeschöpft hatte, habe ich alle (!) meiner Kapitalerträge in Anlage KAP erfasst.

Englische Steuererklärung

England sieht Zinsen und Dividenden in erster Linie als Einkommen wie jedes andere auch und versteuert sie demgemäß; es gibt keinen Freibetrag. Kursgewinne aus dem Verkauf von Wertpapieren dagegen unterliegen der Capital Gains Tax. (Da ich keine Wertpapiere verkauft habe, interessiert mich das nicht weiter.)

Meine Zins- und Dividendeneinnahmen sind aus englischer Sicht natürlich ausländisch, also habe ich sie auf dem Bogen „Foreign“ (SA106) unter „income from overseas sources“ (merke: Was nicht auf der Insel ist, ist Übersee!) eingetragen (nach Umrechnung in Pfund Sterling wie oben beim Gehalt). Die Steuerbescheinigung samt Erträgnisaufstellung meiner deutschen Bank war dabei nützlich, denn da stand schon alles, was ich brauchte, im Detail drauf.

Spenden

Ein paar übers Jahr verteilte Spenden an gemeinnützige Organisationen (z.B. die Wikimedia Foundation).

Deutsche Steuererklärung

In Deutschland sind solche Spenden steuerbefreit. Wenn man sie bei der Einkommensteuer angibt, muss man für den gespendeten Betrag keine Steuer bezahlen (bzw. bekommt sie zurück erstattet, wenn man sie schon vom Lohn abgezogen bekommen hatte).

Spenden kommen als „Sonderausgaben“ auf Seite 2 des Hauptvordrucks (Zeile 45). Als Beleg reicht meistens (für Spenden bis zu 200€) die Überweisung auf dem Kontoauszug. Erfasst habe ich nur die, die in den Zeitraum fielen, in dem ich in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig war.

Englische Steuererklärung

In England sind sie auch steuerbefreit, aber ganz anders – die Steuern werden nicht dem Steuerzahler erstattet, sondern der gemeinnützigen Organisation.

Erst wenn man ein gewisses Einkommen überschreitet und in die höhere Steuerrate – die „higher rate“ – rutscht, kann man die Differenz zwischen normaler und höherer Rate erstattet bekommen, denn die gemeinnützige Organisation bekommt immer nur die normale Steuerrate („basic rate“) ausgezahlt.

Das Ganze nennt sich Gift Aid und funktioniert natürlich nur mit gemeinnützigen Organisationen, die in England registriert sind. Ich habe nichts gefunden, wo ich Spenden deklarieren könnte, die nicht an Gift Aid teilnehmen. Schade.

Und zu guter Letzt …

Und am Ende muss die Steuererklärung samt der Belege irgendwie zum Finanzamt.

Deutsche Steuererklärung

Das Finanzamt in Deutschland will selbst dann, wenn man den Rest digital unterschreiben und einreichen könnte (mit einem „Zertifikat zur elektronischen Übermittlung“), alle möglichen Belege auf Papier und/oder im Original.

Ich hab’s daher schon vor Jahren aufgegeben, mir den Umstand mit dem digitalen Elster-Zertifikat zu machen. ElsterFormular überträgt die Daten ans Finanzamt, und dann drucke ich die so genannte „komprimierte Steuererklärung“ auf tote Bäume, unterschreibe sie, lege meine Belege bei, ein Anschreiben drauf, und dann geht das Ganze per Post nach Deutschland.

Ach ja: Der Hauptvordruck fragt, ob man „auf Dauer angelegte Geschäftsbeziehungen zu Finanzinstituten im Ausland“ (Zeile 109) habe. Das hatte ich letztes Jahr schon mal in aller Naivität mit „ja“ beantwortet – ich habe ein Girokonto hier in England – und daraufhin die misstrauische Nachfrage des Finanzamts erhalten, doch bitte genauer zu spezifizieren, was für Geschäftsbeziehungen denn das seien. Wenigstens ließ sich das dann durch einen kurzen Anruf klären. Dieses Mal habe ich wieder „ja“ angekreuzt, aber im Anschreiben erläutert, was gemeint ist.

Englische Steuererklärung

Das Finanzamt in England nimmt die Steuererklärung samt aller (als PDF eingescannter) Belege ohne Unterschrift komplett online entgegen. Nicht übel.

Steuermann ahoy

Schokomutterhasen

[Mych] Dass man dieser Jahre schon im Spätsommer die ersten Dominosteine und zu Weihnachtsmännern transmutierten Osterhasen zu kaufen bekommt, kennt man ja schon.

Immerhin stimmt da die Reihenfolge.

Aber Muttertags-Marketing schon vor Ostern? Die Läden in Coventry sind seid Wochen voll davon. Stürzt das die Schokohasen nicht in eine Identitätskrise?

Tatsache: Die Briten feiern ihre Mütter im März. Mitten in der österlichen Fastenzeit, weil man da nämlich besonders fröhlich sein soll (gemessen daran, dass man seit Wochen am Fasten ist). Und sie nennen ihn Mothering Sunday – Bemutterungssonntag, sozusagen.

Der deutsche Muttertag ist ja bekanntermaßen nach guter alter USA-nischer Tradition erst Mitte Mai. (Die amerikanische Begründerin dieses Festtags hatte irgendwann begonnen, ihn wieder abschaffen zu wollen, nachdem die Blumen- und Schokoladenindustrie davon Wind bekommen hatte. Das scheint nicht geklappt zu haben.)

Naja. So kam es jedenfalls, dass ich im Nahverkehrszug zwischen Basel und Rheinfelden einer (durchaus netten) Zollbeamtin erklären durfte, dass ich für meine Mutter Süßkram für den „englischen Muttertag“ im Koffer hatte.

Frohen englischen Muttertag!

Schokomutterhasen

Wo geht es hier zum Arzt?

[Maus] Die Engländer geben sich größte Mühe mit mir – vor allem beim Arzt.

Gesehen habe ich allerdings erst einen einzigen. Tatsächlich handelte es sich um eine junge Ärztin, die wahrscheinlich gerade eben erst mit ihrem Studium fertig geworden war: Sie schlug während meines Besuches ein dickes Buch auf und blätterte hin und her; und weil sie das, was sie suchte, nicht finden konnte, befragte sie auch noch das Internet.

Da fragt sich mancher Leser sicher, was ich wohl Sonderbares hatte. Die junge Ärztin hatte meinen Blutdruck gemessen und festgestellt, dass dieser zu hoch war. Das Problem daran: Ich war nicht beim Arzt wegen des zu hohen Blutdrucks oder weil ich mich neuerdings sonderbar fühlte, sondern weil ich ein neues Pillenrezept brauchte. Das wiederum wollte sie aber nur unter der Auflage ausstellen, dass ich meinen Blutdruck für 24 Stunden überwachen lasse.

Gesagt, getan. Wenn die mir schon die Pille kostenlos hinterherschmeißen, dann kann ich auch mal so ein 24-Stunden-Blutdruckmessgerät mit mir rumtragen. Dachte ich. Ich frage mich inzwischen ehrlich, wie andere Leute das aushalten. Ich war 24 Stunden im Dauerstress, weil das Ding an meinem Arm jede Stunde den Blutdruck maß. Und dementsprechend schlecht fiel mein Ergebnis aus.

Die folgenden drei Monate musste ich regelmäßig zur Kontrolle zu Marie, einer sogenannten practice nurse, die jedesmal meinen Blutdruck kontrollierte. Und siehe da: Mit jedem Besuch wurde der niedriger. Ihre Diagnose: ausgeprägtes Weißkittelsyndrom.

Seit ich mich in der Arztpraxis angemeldet habe, bekomme ich außerdem regelmäßig Briefe, in denen ich aufgefordert werde, zum cervical screening zu gehen. Das ist eine Krebsvorsorgeuntersuchung, die in Deutschland einmal im Jahr durchgeführt wird. In den Schreiben von der Praxis wird dagegen stolz berichtet, wie wichtig diese Untersuchung ist und das man unbedingt alle drei Jahre zu dieser Untersuchung gehen sollte.

Ich dachte mir, dass es dann ja nicht so dringend sein kann und hoffte, diese Untersuchung nicht hier in England machen lassen zu müssen. Doch dann kam ein neuer Brief, diesmal rot und mit fettgedruckter Aufforderung, entweder zum Screening zu kommen oder das beigefügte Formular zurückzuschicken, in dem ich begründe, warum ich diesen unglaublich wichtigen Termin nicht wahrnehmen möchte. Außerdem wurde ich darauf hingewiesen, dass ich bei Nichterscheinen weiterhin Aufforderungen zugeschickt bekommen würde.

Also gut, mach ich den Spaß halt mit. Frauen in Deutschland gehen für solche Untersuchungen zum Frauenarzt, der natürlich sämtliche gynäkologischen Gerätschaften inklusive gemütlichem Untersuchungsstuhl besitzt. Es ging da immer sehr sachlich zu, meine Fragen wurden alle beantwortet, meine partielle Nacktheit wurde professionell ignoriert.

In Großbritannien ist das ein wenig anders.

Ich vereinbarte einen Termin mit einer der Schwestern, und die erwartete mich in einem kleinen Räumchen mit einem Schreibtisch, zwei Stühlen und einer Liege. Sie befragte mich zu meiner Vorgeschichte und ob ich denn schon jemals eine solche Untersuchung hatte. Nachdem wir ihren Zettel gemeinsam ausgefüllt hatten, führte sie mich zur Liege, zog einen Vorhang zu und erklärte mir, sie habe mir das kleine Papierhandtuch dort hingelegt, damit ich mich zudecken kann.

Beinahe hätte ich laut losgelacht. Die Dame würde in wenigen Sekunden um den Vorhang herumkommen, um meinen privatesten Körperteil zu untersuchen und meint, ich müsste meinen Bauch mit einem Papiertüchlein bedecken. Ich ließ es sein. Als sie mit ihrer Untersuchung fertig war, freute sie sich darüber, wie tiefenentspannt ich gewesen war.

Wie sich wohl Engländerinnen bei dieser Untersuchung verhalten?

Wo geht es hier zum Arzt?

When in Bath, do as the Romans do

[Maus] Ich grübelte geraume Zeit, was ich Michael zum Geburtstag schenken könnte, doch mir wollte partout nichts einfallen. Krampfhaft versuchte ich mich zu erinnern, was er sich irgendwann mal gewünscht hatte. Als einziges Ding fiel mir ein Raspberry Pi ein – aber das empfand ich dann doch als eher unpassend. Ich wünschte mir, ich wäre so ein grandioser Bastler wie Michael, damit ich ihn auch mal beeindrucken könnte …

Da wir aber immer noch dabei sind das Land zu entdecken, dachte ich mir, ein Kurztrip – irgendwohin, wo es schön ist – wäre besonders genug; und wenn ich schon nicht Basteln kann, im Organisieren bin ich gar nicht so schlecht.

Nach einiger Recherche (bei der ich immer wieder auf die gleichen Dinge stieß) entschied ich mich für einen Kurzurlaub in Bath. Bath liegt südlich von Coventry in der Grafschaft Somerset und ist berühmt für seine römischen Bäder – doch davon später. Ich buchte also drei Übernachtungen im Harington’s Hotel und, um in Zukunft mitreden zu können, einen Tag im Thermae Bath Spa.

Die erste Überraschung bei unserer Ankunft: Parken direkt am Hotel war nicht möglich (ich hatte einen Parkplatz dazugebucht, da die Altstadt, in der sich unser Hotel befand, nur sehr wenige Parkplätze hat). Als wir vor dem Hotel ankamen, war uns sofort klar, dass noch nicht mal Stehenbleiben eine Option war, denn viel breiter als das Auto war die Straße nicht.

Was nun? Wir beschlossen, erstmal in die nächste Straße einzubiegen, und siehe da: Parkplätze. Doch leider waren das alles reservierte Parkplätze und so parkte Michael ein und wartete dort, während ich ins Hotel ging, um nach dem gebuchten Parkplatz zu fragen. Der Herr am Empfang drückte mir ein laminiertes DIN-A4-Blatt mit der Beschreibung zum Parkplatz und einer Parkplakette in die Hand und bot an, dass wir ja erstmal unser Gepäck ausladen könnten. Ich lehnte dankend ab, da wir nicht viel Gepäck dabei hatten. Nach zehnminütiger Fahrt durch Einbahnsträßchen und Gässchen fanden wir unseren Parkplatz – und nach fünf Minuten Fußweg waren wir auch schon wieder zurück am Hotel.

Micha macht Foto

Das Hotel war klein, aber sehr gepflegt und modern eingerichtet. Wir bezogen unser Zimmer im dritten Obergeschoss und freuten uns über all die kleinen Details. Mein Highlight war die „Oops! Did you forget something?“-Karte mit Deodorant, groß, für Damen und Deodorant, klein, für Herren. Außerdem an der Rezeption zu erwerben: die „Love Box“. Ich frage mich, wie häufig die wohl an der Rezeption gekauft wird. Michael erfreute sich derweil an einer Möwe, die auf dem Schornstein des Nachbarhauses posierte.

MöweOops

Nach einer mittelschweren Kofferexplosion machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Ausflugsziel: dem Jane Austen Centre.

Wer Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ kennt, weiß, dass die Protagonisten unglaublich gern zum Afternoon Tea einladen. Wir besuchten also den Regency Tea Room im Jane Austen Centre um „Tea with Mr. Darcy“ zu trinken. Man bekommt aber nicht einfach nur Tee serviert, sondern eine Auswahl leckerer Sandwiches und köstlicher Küchlein, getoppt von meinem persönlichen Favoriten: warmen scones mit clotted cream und Marmelade.

Der „Tea with Mr. Darcy“ war aber nur der Beginn einer unglaublichen kulinarischen Reise durch Bath. Egal, wo wir einkehrten – ob Pub, Spa oder Restaurant: wir bekamen immer vorzügliches Essen, das außerdem immer hervorragend präsentiert wurde.

Mr. Darcy

Um aus dem Urlaub noch etwas Erinnerungswürdiges zu machen, hatte ich im Thermae Bath Spa ein „Time for Two Package“ gebucht. Ich war furchtbar gespannt, denn während wir am Sonntag durch Bath bummelten, entdeckten wir eine sehr lange Menschenschlange und aus Neugierde schauten wir nach, wofür denn angestanden wird. Nach ein paar Metern entdeckten wir einen Aufsteller, der sagte, dass man ab diesem Punkt nur noch 90 Minuten warten müsste. Ein weiterer Aufsteller ein paar Meter weiter kündigte an, dass es von diesem Punkt aus nur noch 60 Minuten seien. Am Ende der Schlange standen wir vor dem Eingang des Thermae Bath Spa, dass wir am darauffolgenden Montag besuchen wollten.

Hier ist also die Frauen-Wand?
Hier ist also die Frauen-Wand?

Das Thermae Bath Spa wird von Englands einziger Thermalquelle gespeist, die schon die Römer im ersten Jahrhundert entdeckten und nutzen. Um die heiße Quelle wurde eine riesige Tempelanlage mit Badehaus gebaut. Vor ein paar hundert Jahren entdeckte man bei Ausgrabungen die römischen Anlagen und machte sie wieder begehbar (ein sehr sehenswertes Museum).

Am Montag war es glücklicherweise nicht so überfüllt. Am Empfang wurden wir angenehm überrascht: Es gab Bademäntel, Handtücher und Schlappen für uns und für unsere Spa-Behandlung auch noch einen Gutschein. Auch Shampoo, Conditioner und Duschgel waren in den Duschkabinen vorhanden. Und bevor man wieder nach Hause geht, kann man seine Badesachen sogar noch in einer kleinen Zentrifuge trockenschleudern.

Auf den vier Etagen des Spas befinden sich das Minerva-Bad (ein mittelgroßer Pool mit einem Whirlpool-Bereich, in dem es alle paar Minuten mal whirlt, und einem Suppentopf-Strudel außen herum), Steamrooms (vier Dampfsaunen mit unterschiedlichen Aromen und Temperaturen zwischen 45 und 50°C, und in der Mitte des Raumes befindet sich eine Regendusche), der Anwendungsbereich (mit einem Angebot an verschiedenen Massagen, Gesichts- und anderen Schönheitsbehandlungen) mit anschließendem Restaurant und einem Pool auf dem Dach (ebenfalls mit Whirlelementen).

Wir ließen uns den ganzen Tag lang mit Poolnudeln durchs Wasser treiben und genossen unsere einwandfreie Partnermassage. Die fand zwar im selben Raum statt, aber ich habe von Michael nichts gehört oder gesehen, denn entweder schaute ich auf den Boden unter mir oder hatte ein warmes Lavendelkissen auf den Augen.

Der einzige Wermuthstropfen des Tages war das Verschwinden meines Bademantels samt Gutschein für die Partnermassage, Handtuch und Schlappen während unseres Aufenthaltes in den Steamrooms. Aber das freundliche Personal am Empfang stattete mich einfach neu aus, inklusive riesiger Schlappen, die selbst Michael zu groß waren.

Ein großartiger Kurzurlaub mit allem, was ein Römer so braucht.

Absolutely!
Absolutely!
When in Bath, do as the Romans do

Party like it’s 1651

[Mych] „Da seid ihr ja gleich am tiefen Ende eingestiegen“, sagt Tom mit einem halben Grinsen.

Mir steht der Schweiß auf der Stirn, während ich an meinem Tee nippe. Jen, die junge blonde Frau mit Uni-Warwick-Pulli, hatte uns erklärt, was passieren würde: zuerst ein bisschen tanzen, dann Pause und Tee trinken, und dann noch ein bisschen mehr tanzen. Dass der Saal kaum geheizt ist, fiel uns nur am Anfang auf. „Smashing!“, wie Jen sagen würde.

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Ich hatte nicht so recht gewusst, worauf wir uns heute Abend einlassen würden. Wir waren in erster Linie wegen der Musik auf die Idee gekommen, hierher zu gehen: Blast from the Past spielt auf. Die hatten wir zuletzt im Sommer in Kenilworth Castle gesehen, während im Hintergrund Apotheker vor ihrem Zelt ihre pharmazeutischen Pülverchen und Tränke feil boten, Ritter mit langen Lanzen gegeneinander ritten und Gaukler das Fußvolk bespaßten. Heute Abend sitzen Chris und Sophie mit ihren Instrumenten in normalen Klamotten auf dem kleinen Podest am Ende des Saals und haben sich einen Fiedler als Verstärkung geholt.

Coventry Zesty Playford hat Jen ihre Veranstaltung genannt – nicht irgendein Playford, sondern eins voller Leben und Begeisterung. Und, schreibt sie auf ihrer Website mit Stolz: immer mit Live-Musik. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die £9 Eintritt pro Person überhaupt reichen, um die Band zu bezahlen. Aber auch die machen den Eindruck, als ob sie nicht nur wegen des Gelds hier sind.

Ein ‚Playford‘, erklärt Jen auf ihrer Website, ist „so ähnlich wie ein Ceilidh“ (gesprochen: ‚Key-Lie‘). John Playford hatte vor mehr als dreihundert Jahren ein Kompendium von Gesellschaftstänzen herausgegeben – über neunhundert Tanzbeschreibungen samt Melodien. Von Paartänzen ohne Partnerwechsel wusste damals noch niemand etwas; die kamen erst Ende des 18. Jahrhunderts in Mode. Früher tanzte man als Gruppe.

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Die Teepause ist um. Ed, der junge Mann mit dem rötlichen Vollbart im Zylinderhut, ruft uns Tänzer wieder in Formation. Es ist typisch für ein Ceilidh, dass ein Ausrufer die Tänzer durch die Schritte und Figuren des nächsten Tanzes führt, bevor die Musik losgeht. „Gebt euch zu viert die Hände“, weist er an, und wir tun das mit unserem Nachbarpaar. Wir müssen wissen, wer die ‚Ones‘ und wer die ‚Twos‘ sind – das erste und das zweite Paar des Vierergrüppchens. Am Ende jeder Runde werden sich die ‚Ones‘ eine Position weiter nach rechts bewegt haben und die ‚Twos‘ eine weiter nach links. Wenn ein ‚One‘-Paar am Ende der Reihe ankommt, wird es zum ‚Two‘-Paar und umgekehrt.

Judith und ich sind nicht die einzigen Neulinge im Saal – und Judith kann wenigstens klassisch tanzen, ganz im Gegensatz zu mir. Zum Glück kann ich mich erstmal darauf konzentrieren, die richtigen Figuren in der richtigen Reihenfolge zu machen. Und da wir zu viert oder zu sechst tanzen, ist fast immer jemand dabei, der weiß, wo’s als Nächstes hingeht.

Bei den doppelten Achtern fallen Judith und ich trotzdem aus der Formation. „Geht einfach durch die Lücke zwischen euren Gegenübern“, sagt Tom im Vorbeitanzen, aber bei dieser Figur sind alle Leute ständig in Bewegung; diese Lücken müssen virtuell sein. Naja, wie Tom ja auch schon gesagt hatte: Playford ist nicht gerade der einfachste Anfang für einen Neuling – wir sind am tiefen Ende eingestiegen.

Für den allerletzten Tanz bleiben Judith und ich am Rand sitzen. Drei Stunden hin- und her springen, sich drehen und sich gegenseitig an den Händen herumwirbeln (minus eine Viertelstunde für Tee) ist ein ganz schöner Workout.

Maureen spricht uns an, als sich nach dem finalen Applaus für die Band die Veranstaltung langsam auflöst: Wir hätten uns wacker geschlagen, und wir sollen auf jeden Fall weiter machen und uns nicht dadurch verunsichern lassen, dass wir vielleicht nicht alles auf Anhieb richtig gemacht hätten. Blast of the Past hat heute Abend offenbar ein eher ungewöhnlich flottes Tempo vorgelegt. Sie holt ihr Handy und schreibt uns eine Telefonnummer einer Bekannten auf, die auch gelegentlich Abende wie diesen veranstaltet, und wir sollen unbedingt dort anrufen und sagen, dass sie uns schickt.

Und sie ist nicht die Erste: Schon in der Pause hatte der Herr mittleren Alters mit dem „Party like it’s 1651“-T-Shirt Judith angesprochen und uns erzählt, dass er Anfang März ein Ceilidh mit einfacheren und anfängerfreundlicheren Tänzen veranstaltet und ob wir nicht kommen wollen (aber da sind wir schon für ein Mittelaltermahl in Coombe Abbey verplant). Und während ich gerade bei der Taxizentrale anrufe, sehe ich, wie eine Dame mittleren Alters an Judith herantritt und ihr sagt, wie sehr sie sich freut, dass wir da waren und dass wir unbedingt wiederkommen sollen.

Ich glaube, das werden wir.

Party like it’s 1651

Eiszeit

[Mych] Fenster freikratzen. Außen und innen.

Normalerweise sind wir nicht morgens mit dem Auto unterwegs – Judith fährt mit dem Fahrrad ins Labor, und ich stapfe normalerweise zu Fuß im Schlafanzug ins Büro. Aber wir wollen nächstes Wochenende zu einem Wellness-Wochenende nach Bath fahren. Da sind die einzigen heißen Quellen in England. Schon die Römer wussten davon.

Draußen ist es dieser Tage relativ kühl: knapp über dem Gefrierpunkt, und nachts offensichtlich kalt genug für zufrierende Pfützen und Autoscheiben. Wir haben zwar nicht vor, nachts zu fahren, aber Winterreifen im Winter klingen trotzdem wie eine gute Idee, und wir haben noch die Winterkompletträder von meinem alten Seat Ibiza in unserem Gartenschuppen rumliegen.

Nachdem die Scheiben (innen und außen) frei sind, fahren wir zur Volkswagen-Werkstatt im Arches Industrial Estate um die Ecke. Ein sehr großer Name für ein paar Lagerhallen unter den Bögen einer kleinen, gemauerten Eisenbahnbrücke; weniger als zehn Minuten zu Fuß von unserem Haus entfernt. Haufenweise kleiner Autowerkstätten und Gebrauchtwagenhändler haben sich dort angesiedelt, und ein Nissan-Händler, von dem man nachts nur das „SAN“ lesen kann.

Die erste Erkenntnis des Morgens: Die Volkswagen-Werkstatt macht keine Radwechsel – der freundliche Mann verweist uns an die spezialisierte Radwechselwerkstatt nebenan.

Dort wirft man einen Blick auf meine Ibiza-Räder. Ja, die werden schon passen, sagt der junge Mann. Ich hatte damit gerechnet, dass ich den Wagen da lasse und später wieder abholen werde, aber der junge Mann setzt sofort den Wagenheber an. Sein etwas älterer Kollege hebt die Räder aus dem Kofferraum; die Kreidemarkierung „V“ auf der Lauffläche steht für „vorne“, erkläre ich ihm. Aber als er die erste Radkappe entfernt hat, ist sofort klar, dass sie doch nicht passen: Der Škoda hat fünf Schrauben – die Räder vom Seat haben nur vier Löcher. Mist.

Wir fragen, ob wir vielleicht neue Winterräder bekommen könnten – und ob sie vielleicht die alten Winterreifen (erst eine Saison gefahren) in Zahlung nehmen würden. Der etwas ältere Mann kratzt sich am Kopf. „Nee“, sagt er. „Die werde ich nicht wieder los. Niemand in England fährt mit Winterreifen.“

Eiszeit

Weihnachtsimport

[Mych] In Birmingham gibt’s einen Weihnachtsimport aus Deutschland: den – räusper – Birminghamer Frankfurter Weihnachtsmarkt.

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Was der Birminghamer Frankfurter Weihnachtsmarkt dem Frankfurter Frankfurter Weihnachtsmarkt voraus hat:

  • Bierausschank in großem Stil. Engländer liiieben ihr Bier. Dazu passend: haufenweise Weihnachtsmarktbesucher mit Bierglas statt Glühweinbecher in der Hand.
  • Musikanten, die sich keinen Deut darum scheren, dass Weihnachten ist. (Oder sein soll.)
  • Ein Riesenrad. (Kein sehr riesiges, aber trotzdem.)
  • Rentier-Burger, Straußen-Burger (mehrere Stände!) und asiatische Nudelsuppe.

Was der Birminghamer Frankfurter Weihnachtsmarkt nicht hat:

  • Raclette und Käsefondue. (Das macht mich sehr, sehr traurig.)
  • Einen Weihnachtsbaum.
  • Kunsthandwerk in nennenswertem Maße. (Es gibt aber sehr wohl einen dedizierten Kunsthandwerksmarkt auf dem Weihnachtsmarkt. Da wird, hmm, kunstvoller Tinnef verkauft? Und kunstvoller Cider.)
  • Gar zu viel deutsches Personal in den (durchgehend deutsch beschrifteten) Fressständen. Die sind wohl alle auf den buchstäblich tausenden Weihnachtsmärkten in Deutschland. England bekommt statt dessen die Rumänen.
  • Schnee. Oder wenigstens kühle Temperaturen.

Was beide haben:

  • Original Frankfurter Bratwurst, in Einheiten von halben Metern (alias „1.64 feet“) verkauft.
  • Glühwein! Immerhin. Und gebrannte Mandeln, und Crêpes, und Mohrenk… – sorry, Schokoküsse (die hier in England als „Marshmallows“ verkauft werden).
  • Ein Karussell. Das macht wahrscheinlich den Frankfurt-Aspekt aus.
  • Tinnef in allen Preisklassen.

Was beide nicht haben:

  • Platz zum Umfallen. (Sogar schon um 11 Uhr morgens.)

(Danke an John James, unbekannterweise, für das Foto; Beschnitt von mir.)

Weihnachtsimport